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Carlo Cool – so arbeitet es sich als Reporter mit @MrAncelotti

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Ich war mir wirklich nicht sicher, wie er reagieren würde. Doch es war die einzige verlässliche Möglichkeit, noch vor Andruck der kommenden Ausgabe an Carlo Ancelotti unter vier Augen ranzukommen. Also wartete ich in der ersten Reihe des Presse-Konferenzraums der Allianz Arena, dessen Bestuhlung wie in einem Hörsaal auf das Podium ausgerichtet ist. Ein sogenannter „Informant“ hatte mir im Vorfeld des Spiels ein Foto der Taktiktafel aus der Bayern-Kabine zugespielt. Ancelotti zeichnete darauf vor dem Pokalspiel gegen Wolfsburg die Anweisungen und Laufwege für das Offensiv-Spiel seiner Mannschaft. Was ich nun wissen musste: Galt die Taktik nur für die eine Partie – oder war es die Spielphilosophie für den Titel-Endspurt?

Ich wusste von Ancelotti bereits, dass er ein lockerer Typ ist. Bei unserem ersten Termin zu Saisonbeginn sprach ich ihn selbstverständlich mit „Herr Ancelotti“ an. Er runzelte darauf die Stirn und meinte lapidar: „Carlo. Ich mag Herr Ancelotti nicht so gerne. Bitte nenn mich Carlo, einfach nur Carlo.“ Das war mal eine Ansage von einem mehrfachen Champions-League-Sieger an einen 19-Jahre jüngeren Reporter. Ottmar Hitzfeld, den ich sehr schätze, bot mir das „Du“ gerade erst kürzlich bei einer gemeinsamen Talk-Runde auf „Sky“ an. Und wir beide kennen uns schon seit gut 18 Jahren. Carlo ließ aber keinen Zweifel daran, dass ich und meine Kollegen das Angebot doch Bitteschön annehmen sollten. Unabhängig davon bekam ich bei ihm schnell das Gefühl, dass wir ihn einfach alles fragen durften, ohne dass er sich auf den Schlips getreten fühlen würde.


Zuerst eröffneter es uns, dass er deutsche Vorfahren haben müsse, denn sein Familienname sei Deutsch-stämmig. Auch ließ er uns wissen, dass er seine viel diskutierte Augenbraue selbst nicht kontrollieren könne. Sie mache einfach, was sie will. Er zeigte uns seine Verletzungen aus seiner Profi-Karriere an den Beinen, wir übersetzten Schweinshaxe vom Bayrischen ins Italienische und wieder zurück. Anschließenden sprachen wir über seine Rolle des Bösewichts beim Don-Camillo-Remake mit Terence Hill, der ihn darin verprügelte. „Ich spielte ja einen der bösen Jungs, daher hatte ich es verdient“, erinnerte er sich für uns. „Aber im richtigen Leben bin ich kein ,Bad guy’, das dürfen sie mir glauben.“ 


Er erzählte über Rotwein-Abende mit seinen ehemaligen Mannschaften, die er für seine Trainer-Spieler-Beziehung als eminent wichtig empfindet. Und fügte dazu Anekdoten von seinen Ex-Superstars, wie Zlatan Ibrahimovic, an. Der hatte den gläubigen Katholiken einmal gefragt: „Du glaubst an Jesus?“ Als Ancelotti bejahte, meinte Ibra: „Dann glaubst Du auch an mich.“ Angesprochen auf die Geschichte meinte Carlo, dass Ibrahimovic tatsächlich ein gesundes Selbstvertrauen habe. „Aber in diesem Fall hat er wirklich einen Spaß gemacht – und keinen schlechten“, versicherte er. Mein Kollege Raimund Hinko nutzte die entspannte Atmosphäre daraufhin für eine Frage der eher ungewöhnlichen Sport-Interview-Art: „Carlo, was war Deine größte Sünde?“ Der italienische Mister, der gerade zuvor von seiner katholischen Erziehung gesprochen hatte, wirkte erst einmal perplex, so eine Frage hatte ihn offenbar noch kein Journalist gestellt. Im nächsten Moment brach er in Lachen aus. „Wisst Ihr“, setzte er an, „Ich bin auch nur ein normaler Mann…“ Mehr musste dazu auch nicht gesagt werden. Alle hatten verstanden.

Carlo Ancelotti ist sehr aufmerksam. Er geht nicht wie andere Prominente, die Angst davor haben, angesprochen zu werden, mit einem Tunnelblick durchs Leben. Er sieht die Menschen, er sieht alles. Einmal saßen wir in einem kleinen Interview-Raum an der Säbener Straße mit seinem damaligen Co-Trainer Paul Clement (jetzt Chefcoach bei Swansea) zusammen, als plötzlich die Glas-Tür aufsprang. „Na, was erzählt Euch Paul alles von mir?“, rief Carlo herein. Tatsächlich hatte Clement gerade geschildert, wie Ancelotti zum Einstand bei der Mannschaft ein italienisches Volkslied vorgesungen hatte. Stehend beim Team-Essen, aus vollem Halse (es sollte der Einstieg unseres nächsten Reports werden). Sein Freund und Co-Trainer fühlte sich offenkundig ein wenig ertappt. „Ich habe ihnen gerade gesagt, was ich noch alles von Dir lernen kann“, entgegnete Clement. Ancelotti nahm den Ball auf und meinte dazu trocken: „Deutsch, Paul, Deutsch kannst Du von mir lernen.“ Danach gab er uns allen die Hand und machte sich wieder auf seinen Weg.

Zurück im Presse-Raum, es ist schon fast 23 Uhr. Ich weiß: Die Taktik-Tafel stellte nun eine komplett andere Situation dar. Die Mannschaftskabine gilt unter Fußballern als das Heiligste, ein Bereich, der intim bleiben soll. Es ist verpönt, wenn Geheimnisse daraus nach außen dringen. Ein Kabinen-Bild, sogar von der Taktik? Unvorstellbar! 


Ich malte mir aus, wie Pep Guardiola reagiert hätte, wäre ich mit so einer Frage auf ihn zugekommen. Eine Predigt über Respekt und Anstand wäre das mindeste gewesen. Einige meiner Kollegen haben schon weit schlimmeres erlebt. Guardiola mag Journalisten keine Interviews geben, Einläufe dagegen schon. Und das sogar exklusiv. Dass es zu unserem Job als Boulevard-Reporter dazu gehört, eben solche Geheimnisse zu lüften, ist dem Spanier fremd. Oft vergessen Trainer, dass es in ihrem Metier nicht um Leben und Tod geht, sondern am Ende nur um ein Spiel. Auch wenn es sich dabei oft um Millionen von Euro dreht. Doch diese Millionen von Euro gibt es auch nur, weil darüber in dieser und vielen anderen Formen berichtet wird. Gerne können Guardiola & Co mal nachfragen, was mindestens so hart trainierende Handball-, Eishockey- oder Radprofis für eine ähnliche Medienpräsenz in Kauf nehmen würden, da sie von den Sponsoren versilbert wird.

Guardilo ist jetzt aber nicht hier. Ich muss Carlo jetzt fragen. Erstens will ich wissen, ob die Taktik aktuell ist, zweitens würde sie Ancelotti sowieso am Mittwoch bei uns im Magazin sehen. Denn: Ancelotti liest wirklich alles! Nach ein paar Fragen auf dem Podium ist es soweit. Carlo kommt die kleine Treppe hinunter, die ihn rund vier Meter von der Seitentür trennt, die ihn zurück in die Stadion-Katakomben verschwinden lässt. Ich stehe auf und halte ihm mein IPhone entgegen. „Carlo, ich hätte dazu nur eine Frage.“ Ancelotti stoppt, blickt mit der für ihn typisch gehobenen Augenbraue auf mein Handy-Display. Ich: „Das ist ihre Taktik gegen Wolfsburg. Können Sie die Skizze erklären?“ Er stutzt, dann lächelt Carlo mich an. „Ich kann sie nicht erklären.“ Kurze Pause. „Ist das meine Taktik?“ Ich versichere ihm, dass sie es ist.“ Nun schmunzelt er mich an und ich weiß nicht, wem sein Schlawiner-Grinsen gilt: Mir oder ist er hier der Schelm? „Ich kann sie nicht erklären“, wiederholt er nun und ich merke, dass er an der Situation auch ein wenig Spaß hat. Auf meine Nachfrage, warum er sie nicht erklären könnte, folgt seine Pointe: „Ich kann sie nicht sehen, ich habe meine Brille gerade nicht mit.“ Der Italiener aus der Cappuccino-Werbung schießt mir durch den Kopf („Ich habe gar kein Auto…“). Verschaukelt er mich jetzt, um geschickt die Antwort zu umschiffen, oder meint es Carlo tatsächlich ernst? Auch die Antwort bleibt er mir schuldig, verabschiedet sich höflich und weg ist er.


Unverrichteter Dinge mache ich mich auf den Weg in die Mixedzone, in der die Journalisten die Gelegenheit haben, die Spieler nach Abpfiff zu interviewen. Der Weg dahin dauert in der Allianz Arena vom Presseraum keine drei Minuten. Gerade angekommen, erwartet mich bereits der Pressesprecher. Der Trainer würde gerne wissen, woher die Aufnahme stamme, lässt er mich wissen. Ich wiederhole noch einmal, dass sie aus seiner Kabine sei. Die Aufnahme zeige die Taktik gegen den VfL Wolfsburg. Das Bild der Taktiktafel halte ich gerne auch ihm noch mal hin. Mit dieser Information geht der Pressesprecher zurück in die Kabine. Zu meiner Überraschung kehrt er fünf Minuten später zurück – zusammen mit Ancelotti. Dieses Mal mit Brille ausgerüstet! Der Mister schaut auf das Handy, rückt dann noch einmal ganz nah mit dem Gesicht ans Display ran. So wie er mich nun anschaut, weiß ich, wen er jetzt für den Schlawiner hält. Carlo bestätigt cool: „Ja, das ist korrekt. Die Taktik war gegen Arsenal ähnlich, wir haben sie nicht verändert. Sie soll den Spielern die Positionen in der Zentrale erklären.“ Weitere Ausführungen könne er beim besten Willen nicht machen, bittet er um Verständnis. Ein bisschen Kabinen-Geheimnis müsse schon bleiben. Ich bedanke mich und wünsche: „Noch einen schönen Abend, Herr Ancelotti!“ Sein fordernder Schulterblick erinnert mich sofort: „Carlo, natürlich, gute Nacht, Carlo“, füge ich schnell an. Den Beinamen „Cool“ verkneife ich mir, auch wenn er ihn definitiv verdient hat.

Lesen Sie die Geschichte zum Blog über Carlo („Die Wahrheit über Ancelotti“) in der aktuellen SPORT BILD. 


 

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