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So lief die Recherche der Stasi-Akte Sammer

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Schon allein die Foto-Tapete im Warteraum der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR ist beeindruckend. Die metallenen Reihenregale, in denen sich vergilbte Stasi-Akten stapeln, sind darauf abgedruckt. Über 111 Aktenkilometer sollen es tatsächlich sein. Ich warte nur auf eine, die extra aus Dresden für mich nach Berlin geschickt wurde: die Stasi-Akte von Matthias Sammer.

In der aktuellen Ausgabe von SPORT BILD veröffentlichen wir die Akte des Europameisters von 1996 und späteren Sportvorstand des FC Bayern. Als ich mich zum ersten Mal im Mai 2017 mit dem Thema befasste, waren die Erfolgsaussichten gering. Hintergrund: Nur bei Personen, die als „Täter“ geführt werden, gibt die Behörde die Akten an Journalisten frei. Bei „Opfern“ braucht es die Zustimmung der betreffenden Person.

Im Juni stelle ich dennoch den offiziellen Antrag. Neben Sammer bitte ich für eine Reportage um Einsicht bei weiteren Ex-Profis, die für die letzte DDR-Nationalmannschaft aufgelaufen sind und später für die Bundesrepublik spielten. Danach passierte erst einmal lange: nichts.

Die Behörde scheint von Anfragen derart überlastet, dass die Bearbeitungszeit der Anträge nicht absehbar ist. Im Juli spreche ich erstmals Sammer auf mein Interesse an seiner Akte an. Zu meiner Überraschung teilt er mir mit, dass er sie selbst nie eingesehen habe. Als bis November nichts passiert, melde ich bei der Behörde an, dass ich persönlich in Berlin vorstellig werde.

Als ich aus dem Warteraum abgeholt werde, bittet man mich in einen Besprechungsraum. Dort eröffnet man mir: Die Akte ist freigegeben. Sammer wird als Täter geführt.

Eine originale Stasi-Akte wird einem auch in dem gesicherten Gebäude nicht einfach so überlassen. Um sie einsehen zu können, muss ich meine Jacke wie auch Tasche abgeben. Offenbar hat die Behörde schon schlechte Erfahrungen mit Diebstählen gemacht. Eine Stunde bin ich im Leseraum mit Sammers Akte und was ich studiere, stimmt mich ein wenig traurig. Zu lesen, wie die eigenen Kameraden einen ihrer Spieler bespitzeln, ist unschön. Auch der Staat hat Sammer gründlich durchleuchtet.

In der Akte fehlen allerdings auch komplette Seiten oder sind geschwärzt. Die Behörde teilt mir mit, dass darin Informationen zu Familienmitgliedern Sammers stehen, die vom Bundesamt geschützt werden.

Je mehr ich darin lese, desto falscher fühlt sich bei Sammer der Begriff „Täter“ an. Er hat offensichtlich niemanden etwas getan, verwehrt hat er sich dem System aber auch nicht. Er tat, was er tat, für seine Karriere. Darüber urteilen möchte ich nicht. Dafür bin ich zu weit weg von den Dingen, die ein Bürger der DDR in Kauf nehmen musste. Berichten werde ich aber natürlich. Der Karriere-Weg von Sammer zeigt beispielhaft auf, wie sich ein Fußballer dem DDR-System beugte, um darin Erfolg zu haben.

Nach meiner Rückkehr in München bitte ich Sammer um ein Gespräch. Der Ex-Bayern-Vorstand ist entsetzt, als er hört, dass er als „Täter“ geführt wird. Danach spricht er ausführlich über die Zwänge, die eine Spielerlaufbahn beim Stasi-Klub Dynamo Dresden mit sich brachte.

Das Interview wird mit der Reportage über seine Stasi-Akte veröffentlicht. Ein paar Fragen, die mich privat interessierten, erschienen jedoch nicht – bisher:

Haben Sie sich denn nicht auch mal dem System verweigert?

Einmal wurde mir von Dynamo Dresden ein Fünfjahresvertrag vorgelegt, den ich unterschreiben sollte. Ich wollte aber einen Einjahresvertrag, weigerte mich einen längerfristigen zu unterschreiben. Hintergrund war: Der Amateur-Status wurde von der Uefa nicht mehr anerkannt. Wer als Amateur floh, wurde im Westen für ein Jahr gesperrt. Die ideale Lösung wäre aus Spielersicht ein Einjahresvertrag als Vertrags-Amateur gewesen, so dass Du nach einer potentiellen Flucht zur kommenden Saison Spielberechtigt gewesen wärst. Auf meine Weigerung hin wurde mir aber gesagt: ,Wenn wir das akzeptieren, kannst Du keine westliche Auslandsreise mehr machen.’ Ich musste mir anhören, dass man den Staat stärken müsse und nicht die Talente verlieren dürfe. Am Ende haben wir uns auf drei Jahre geeinigt. Auch dafür gab es immerhin eine Extra-Prämie.

War der Westen für Sie denn verlockend?

Ulf Kirsten und ich haben das Thema Westen unmittelbar vor der Wende einmal locker bei Eduard Geyer angesprochen, der zu der Zeit unser Trainer bei Dynamo Dresden wie auch bei der Nationalmannschaft war. Wir fragten ihn, ob es denn nicht an der Zeit wäre, dass wir offiziell in die Bundesliga wechseln könnten und das doch auch gut für die DDR-Nationalmannschaft sei.

Geyer arbeitete unter dem Decknamen „IM Jahn“ sehr aktiv für die Stasi. Wie war seine Reaktion?

Er hat gegrummelt, aber nicht so, dass wir dachten, es würde für uns Konsequenzen haben.

Dachten Sie denn je konkret an Flucht?

Abhauen? Nein, das war trotz allem nie ein Thema für mich. Dafür habe ich mein Elternhaus, meinen Verein und die Stadt Dresden viel zu sehr geliebt. Es gab sicherlich Momente, in denen man am Abend bei einem Gläschen Wein darüber nachdachte, wie verlockend die Bundesliga wäre. Doch am nächsten Morgen erwachte man wieder in der Realität. Und die hieß DDR.

In der Verpflichtung fürs Wachregiment verpflichten Sie sich per Standard-Klausel unter anderem „alle Veränderungen persönlicher Art, die mich oder meine nächsten Angehörigen betreffen, schriftlich über meinen Vorgesetzten an die Abteilung Kader bzw Arbeitsgruppe Kader unverzüglich zu melden“.

(lacht) „Das sehen Sie, wie weit ich von der ganzen Sache entfernt war: ich wußte damals nicht einmal, wer mein Vorgesetzter war. Und außerdem glauben Sie doch auch nicht ernsthaft, dass ich mir das alles durchgelesen habe? Das hat uns damals nicht interessiert. Alles was wir wollten, war Fußball spielen. Das ging als Dynamo-Spieler eben nur im Wachregiment.

Inoffizielle Mitarbeiter, die über Sie berichteten, schreiben, Sie hätten Mitspieler als „Nichtskönner degradiert“.

(lacht schallend…) Allein darin sieht man, wie clever das von den betreffenden Personen weitergegeben wurde. Hätten Sie immer gesagt, dass der Matthias Sammer ein Super-Kerl sei, wäre das auf Dauer verdächtig geworden. Aber etwas so Harmloses wie in diesem Fall kritisch zu beleuchten, war taktisch klug. Zumal ich gar nicht abstreite, dass dies für Außenstehende damals sogar der Eindruck gewesen sein könnte. Ich war in der Jugend Mittelstürmer und durchaus selbstbewusst, dazu kam mein spezieller Laufstil. Das mag für einige durchaus arrogant gewirkt haben. Aus heutiger Sicht kann ich über dies Formulierungen nur schmunzeln.

Die Reportage über Sammers Stasi-Akte und das große Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe

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