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Warum ich den englischen Fußball liebe – und wofür nicht mehr

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Der Anruf kommt um 9.08 Uhr. Ich liege noch im Bett des „Park Grand Paddington Court“, Jens Lehmann ist aber schon auf seiner 35-minütigen Fahrt von seinem Londoner Wohnviertel in Primrose Hill nach Colney, dem Trainingszentrum des FC Arsenal. Der Termin müsse bitte drei Stunden früher starten, der Boss habe die Pläne geändert. Der Boss, so nennt Lehmann seinen Chef: Arsene Wenger.

„Ich gebe Dir besser den Postzahlen-Code, selbst die Taxifahrer finden es nicht immer“, erklärt mir Jens. Also schreibe ich mit: AL21DR. Anders als etwas das Trainingszentrum des FC Bayern an der Säbener Straße inmitten von München ist „Colney“ weit außerhalb im Londoner Norden. Mit der Tube fahre ich zunächst bis zur Station „Finsbury Park“, nehme von dort den Zug für die 20 Minuten nach „Potters Bar“, dann steige ich in ein Taxi. Es ist Lehmanns erstes Interview, seit er seinen Job als Assistenz-Trainer von Wenger angetreten hat. Charlotte, die englische Fotografin, die mich begleitet, sagt mir, dass Journalisten eigentlich keinen Zutritt zu Colney hätten. Sie selbst hat bisher nur die Anlage von außen fotografieren können. Tatsächlich erwartet uns am Eingang ein großes Stopp-Schild. Die Zufahrt ist Video-Überwacht, ein Sicherheitsmann checkt unsere Namen auf einer Liste. Alles gut, Jens hat uns angekündigt. Wir dürfen rein.

Ursprünglich sollte das Gespräch um 16 Uhr stattfinden, doch in englischen Wochen ist beim FC Arsenal alles schwer planbar. Als Lehmann gegen 13.30 Uhr erscheint, hat er schon eine Trainer-Sitzung, eine Video-Vorbereitung, ein komplettes Training sowie ein Mittagessen mit CEO Ivan Gazidis und dem neuen Chefsocut Sven Mislintat hinter sich. Es galt das Spiel am Vorabend zu analysieren und das Spiel zwei Tage darauf vorzubereiten.

Ich kenne Jens Lehmann seit 16 Jahren, begleitete ihn auf seinem Weg von der Nummer zwei hinter Oliver Kahn zum Stammtorhüter der Nationalmannschaft. Auch nach seinem DFB-Rücktritt 2008 riss der Kontakt nie ganz ab, auch weil er zwischenzeitlich eine Kolumne für SPORT BILD schrieb, die ich betreute. Nach seiner Zeit als Profi sah ich ihn öfter an der Säbener Straße, wie er sich hinter Bäumen versteckte, um das Training von Pep Guardiola zu beobachten. Der Spanier lud ihn darauf ein, einmal bei ihm zu hospitieren. Jetzt ist er selbst im Trainer-Geschäft – und deshalb bin ich hier.

Wir reden beim Termin viel über den englischen Fußball, der während der deutschen Winterpause zu meinem fixen TV-Programm zählt. Jens erzählt, dass ihr Spiel gegen Liverpool eigentlich für den 24. Dezember auf 16 Uhr angesetzt war. Das gab es selbst in England noch nie. Die TV-Sender, die das Geld in die Klub-Kassen spülen, dürfen so etwas entscheiden. Lehmann rief darauf zu Hause an und teilte mit, dass ihr Weihnachten statt in der Münchner Heimat dieses Mal in London gefeiert werden müsse. Seine Tochter fing darauf an zu beten: Papa soll entlassen werden! Lehmann konnte darüber lachen, er versteht seine Tochter ja. Am Ende ging ihr Wunsch in Erfüllung, auch wenn Lehmann seinen Job behalten durfte. Das Spiel wurde auf den 22. Dezember vorverlegt für ein spektakuläres 3:3 gegen Jürgen Klopps Truppe.

Ich habe mich in den englischen Fußball verliebt, als ich den FC Bayern am Anfang des neuen Jahrtausends zu Champions-League-Matches in Old Trafford, an der Stamford Bridge und Highbury begleiten durfte. Stadien, in denen die Fans direkt am Spielfeldrand sitzen. Die Heimspiele im Münchner Olympiastadion kamen mir danach immer ein wenig trister vor. Highbury gibt es leider längst nicht mehr. Das „Emirates“ ist ein wunderbares neues Fußball-Stadion, aber wie das neue Wembley nur eins von vielen, wie man sie inzwischen überall auf der Welt findet.

Zur Vorbereitung für das Interview mit Jens Lehmann habe ich mir Karten für das Gastspiel der Gunners bei West Ham besorgt. Die „Hammers“ trugen ihre Heimspiele seit 1904 bis 2016 im „Upton Park“ (offizieller Name Boleyn Ground) aus. Ich bin eine Saison zu spät – und dieses Jahr tut richtig weh. Statt in dem kleinen Fußball-Tempel, der englische Fußball-Atmosphäre atmete, bin ich im „London Stadium“, Londons Olympiastadion von 2012, wohin die „Hammers“ wegen den größeren finanziellen Einnahme-Möglichkeiten umzogen.

Obwohl ich einen privilegierten Presse-Platz habe, sitze ich immer noch unheimlich weit weg vom Rasen. Stimmung kommt in diesem Leichtathletik-Stadion keine auf. Ich bereue nun, dass ich nicht das Arsenal-Heimspiel die Woche darauf im League-Cup gegen West Ham immerhin im „Emirates“ gewählt habe. Wenn ich daran denke, dass Arsenal danach auswärts im fast hundertjährigen „Selhurst Park“ gegen Crystal Palace antritt, blutet mir das Herz. Während ich mir das müde 0:0 ansehe, denke ich, wie verrückt das eigentlich ist: Der FC Bayern brauchte 33 Jahre, um sich von seinem Olympiastadion zu lösen und eine Heimat in der Allianz Arena zu finden. West Ham ging dagegen freiwillig aus einem echten Fußball-Stadion in eine seelenlose Schüssel.

Fürs neue Jahr nehme mir vor, die traditionsreichen englischen Stadien zu besuchen, die ich noch nicht erlebt habe. Bevor auch sie dem Kommerz geopfert werden.

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