Das letzte Bayern-Mahl

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Was waren das früher für Festabende, wenn Sterne-Koch Alfons Schuhbeck weit nach Mitternacht die Buffett-Platten wegräumen ließ und die Frage kam: „Wer mog jetzt noch Bratwürstl?“ Ab diesem Moment waren nach Champions-League-Abende alle Gäste des FC Bayern gleich: Der VIP-Fan, der Bayern-Star und der Reporter. Alle stellten sich an der Bratwürstl-Schlange an, meist hinter Uli Hoeneß, der die Idee oft überhaupt erst ins Leben gerufen hatte. Waren ja auch seine Nürnberger, die Schuhbeck in die entferntesten Hotels der Europapokal-Gegner des FC Bayern fliegen hatte lassen. Abende wie diese wird es zumindest für die Journalisten in naher Zukunft nicht mehr geben. Für das Champions-League-Viertelfinale in Lissabon verweigert der Klub Reportern – die zuvor für die Teilnahme im Schnitt 150 bis 200 Euro an Bayern-Tours bezahlten – den Bankett-Zutritt. Beim letzten Gastspiel in Turin hatten zwei Journalisten (und Bankett-Gäste) im Hotel beobachtet, wie Arturo Vidal noch spätnachts das Hotel verlassen hatte, obwohl er zuvor schon über eine Stunde auf dem Zimmer verschwunden war. Eine Sicherheitskräfte des Klubs lotste ihn schnell durch die Lobby in einen abfahrbereiten Wagen. Bald kam heraus, dass der Chilene mit anderen Kollegen wie Franck Ribéry und David Alaba noch ein privates Nach-Bankett im Spielerkreis in der Stadt besucht hatte. Die anschließende Berichterstattung konnte den Klub-Verantwortlichen nicht gefallen. Dass nun keine Journalisten mehr am Bankett zugelassen sein werden, beugt unangenehmen Beobachtungen auf jeden Fall ein wenig vor. 

Es ist nicht schwer zu prophezeien, dass es trotz der Bankett-Sperre dennoch Bilder von der traditionellen Rede des Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge geben wird. Das Klub-eigene TV-Team dürfte die Sperre ja nicht betreffen. Über Spielerausflüge wird vom FCB.TV dann aber wohl kaum berichtet werden. Und ob Franz Beckenbauers Wutrede („Uwe-Seeler-Traditionsmsnnschaft!“) unter diesen sanktionierten Umständen jemals gesendet worden wäre, darf stark bezweifelt werden. Geschadet hatte die öffentlich gemachte Schelte übrigens nicht. Anschließend gewann das vom Kaiser bloßgestellte, aber umso stärker angestachelte Team von Kapitän Stefan Effenberg die Champions League (2001).

Es gab aber wie gesagt auch andere Zeiten, als Spieler und Reporter harmonisch Seite an Seite die Teller füllten. Bei einem der letzten DFB-Pokalsiege in Berlin lud Hoeneß noch alle übrig gebliebenen Reporter an den Tisch der Bayern-Führung zum Bratkartoffel-Essen ein. Nie werde ich zudem vergessen, wie Oliver Kahn einmal mit dem Finger auf mich und meine Speise-Wahl zeigte, um dann lauthals durch den Fest-Saal zu rufen: „Soso! Die Journalisten essen ja auch Scampi!“ Damals hatten die Medien nach einem Rüffel von Hoeneß („Die Spieler essen Scampi und ich habe eine schlaflose Nacht!“) die Mannschaft „Scampi-Bayern“ getauft. Auch ich hatte zudem die vorherige Bankett-Karte (mit den Meerestieren darauf) drucken lassen. Kahn revanchierte sich dafür mit Humor und Größe. Man aß nicht nur, sondern lachte auch noch zusammen. 

Die Scampi werde ich nach Champions-League-Abend weniger vermissen als die einstig uneingeschränkte Pressefreiheit für die Berichterstattung. Und zugegeben: Schuhbecks Bratwürstl natürlich auch.