Der Drahtseilakt: Spieler-Reporter-Beziehungen

Featured Image

Die Wege von Journalisten sind unergründlich. Manchmal sogar für den Bundestrainer. „Was machen Sie denn hier?“, begrüßt Jogi Löw meinen Kollegen Tobi und mich. Mittags hatten wir uns schon vor der PK gesehen, bevor André-Marc ter Stegen und Julian Brandt ihren Auftritt hatten. Als Boulevard-Reporter bist du oft in Versuchung, den Bundestrainer für die ein oder andere Frage abseits des Podiums abzupassen. Die Begegnung in den Katakomben des Westfalen-Stadions (die neuen Werbe-Namen alter Stadien blende ich grundsätzlich aus) ist aber tatsächlich Zufall. Löw kommt gerade vom geheimen Abschlusstraining, wir sind auf dem Weg zu einer Sponsoren-Veranstaltung im Presse-Raum.

 

„Sie beide finden immer Wege an Orte, wo Sie eigentlich gar nicht hinkommen und sein dürfen“, rügt uns Löw erst schelmisch, dann schmunzelt er und klatscht freudig in die Hände. Der Bundestrainer ist gut drauf! Darum nehme ich den Ball auf. „Wir sind hier, weil wir uns bereit melden wollten“, eröffne ich Löw, der nun fragend zurückblickt. Bei der Ankunft im Teamhotel hatte Löw uns Journalisten angesichts der großen Ausfall-Welle bei den Nationalspielern scherzhaft gefragt, ob wir unsere Fußballschuhe dabei hätten. Ich fahre also fort: „Wir sind die beiden derzeit fittesten unter den Reportern.“ Zumindest in meinem Fall weiß Löw spätestens jetzt: Not true! Offenbar stellt er sich dieses Worst-Case-Szenario vor, denn er schüttelt den Kopf, verschwindet daraufhin mit einem ungläubigen Lachen im Shuttle zum Hotel.

 

Das Verhältnis von Reportern zu den Protagonisten ist oft ein Drahtseilakt. Wir reisen und verbringen sehr viel Zeit miteinander. So etwas verbindet. Allerdings sind wir auch die ersten Kritiker, wenn so einen Ausflug sportlich mal schief geht. Die große Kunst ist für beide Seiten, diese Momente zu trennen. Im Leben mag man sich immer zweimal sehen, im Fußball dagegen viel öfter.

 

Noch am Nachmittag gab Bastian Schweinsteier sein Karriere-Ende über die Social-Media-Kanäle bekannt. Basti und ich sind das beste Beispiel für eine Auf- und Ab-Beziehung zwischen Fußball-Star und Reporter. Am Anfang unserer Laufbahn feierten wir noch zusammen seinen Geburtstag im Chiemgau, trafen uns zum Playstation-Spielen. Später zofften wir uns, in Chicago versöhnten wir uns wieder (regelmäßige Leser dieses Blogs kennen unsere Geschichte).

 

Zum Schweinsteiger-Abschied telefoniere ich auf meinem Hotelzimmer mit Lukas Podolski (Brief an Schweini), der aktuell noch in Japan spielt. Dabei kommen wir auf Mesut Özil zu sprechen. Özil darf als Kumpel von Poldi gelten, ich hatte immerhin eine intakte Reporter-Spieler-Beziehung zu ihm. Nach der Erdogan-Affäre war es damit vorbei. Ich frage Podolski, wie er den Abschied von Özil aus der Nationalmannschaft sieht.

 

Ich bin ein unpolitischer Mensch und trenne Politik vom Sport“, schickt Poldi voraus. Dann lässt er in seine Gedanken blicken: „Was rundum Mesut passiert ist, machte mich traurig.“ Podolski erinnert daran, dass der Fußball Mesut Özil seine Verdienste für die deutsche Nationalmannschaft erbracht habe, auch er ein Weltmeister sei. Selbst wenn für viele einige von den Entscheidungen, die Özil getroffen habe, unverständlich sein sollten.

 

Wie schnell solche falschen Entscheidungen Fußballern passieren können, daran sollte ich diese Länderspielpause wieder erinnert werden.

 

„Falki, wie geht’s Dir?“, begrüßt mich Emre Can am Mannschaftsbus, nachdem er mit Deutschland gerade 2:2 gespielt hat. Auch Can kenne ich bereits, seit er 18 ist. Weil Pep Guardiola ihm klarmachte, dass das Eigengewächs bei ihm wenig Einsatzzeit bekommen würde, wechselte Can nach Leverkusen. Von dort gelang ihm der Sprung zum FC Liverpool, 2018 wechselte er weiter zu Juventus Turin. „Ich frage mich eher, wie es Dir bei Juve so geht“, entgegne ich Emre. Der neue Trainer Sarri setzt in der Startelf nicht auf ihn, nominierte den Deutschen zudem nicht für seinen Champions-League-Kader. Auch Emre hat gute Laune, nachdem ihn Löw direkt in die Startelf beförderte. „Mach Dir keine Sorgen. Er passt ja auf mich auf“, sagt Emre und zwinkert Björn zu. Björn ist ein Bodyguard der Sicherheitscrew des DFB (achtet auf das Bild im Seitenspiegel des Mannschaftsbusses). „Wir sehen uns! Egal, in welcher Stadt“, verabschiede ich ihn in den Bus.

Wenige Tage darauf liked Emre Can den Instagram-Post von Cenk Tosun, wie es auch Ilkay Gündogan getan hat. Wir berichten darüber, denn Cenk hat ein politisches Statement für die militärische Offensive der Türkei gegeben. Can weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Noch wenige Stunden vor dem EM-Qualifikationsspiel in Tallinn gegen Estland (3:0) gibt er mir ein Statement dazu, nimmt den Like zurück. Gefreut hat sich Can bestimmt nicht, dass wir das Thema aufgegriffen haben. Doch er hat professionell darauf reagiert. Er weiß: Ich mache meinen Job.

 

Langjährige Reporter-Spieler-Beziehungen werden immer wieder auf die Probe gestellt. Wie auch vergangene Woche im Fall von Thomas Müller.

 

Am Tag des Spiels der Nationalmannschaft gegen Argentinien erscheint unsere SPORT BILD-Ausgabe mit der Schlagzeile „Müller will weg“. Ich persönlich mag nicht, dass Müller weg will. Und Müller mag nicht, dass ich das schreibe. Trotzdem wissen Thomas wie ich: Es ist wahr und meine Aufgabe ist es, die Wahrheit zu schreiben. Ich kenne ihn wie Can, seit er 18 Jahre alt ist, und seither haben wir viele gute wie schwierige Phasen beim FC Bayern erlebt. Ich hoffe, unser eigentlich gutes Verhältnis wird auch diese überstehen.

 

Eine Garantie gibt es dafür nie.