Eine Woche mit den DFB-Stars unter einem Dach

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Zurück in Watutinki hat alles wieder seine alte, weniger spannende Ordnung, was die Quartier-Frage betrifft. In Sotschi war das für eine Woche lang anders und der Gesprächsstoff auf Journalisten- wie Mannschaftsseite. Man stelle sich vor: Spieler und Reporter unter einem Dach! Kann das gut gehen?

Wie am Flughafen: Die Sicherheitskontrollen am Hotel-Zugang vom Strand
Wie am Flughafen: Die Sicherheitskontrollen am Hotel-Zugang vom Strand

Es kommt nicht oft vor, dass Journalisten den Konkurrenten ein paar Zeilen in Ihrer Ausgabe einräumen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat das dieser Tage getan. Grund: Wir SPORT BILD-und BILD-Reporter wohnten in Sotschi im Mannschaftshotel (wie auch Kollegen von Sky). Das las sich in der SZ dann so: „Manche Reporter erzählen, sie hätten ihre Zimmer schon Monate im Voraus gebucht, der DFB hätte Bescheid gewusst und zugesagt, die Wohngemeinschaft notfalls zu tolerieren – was man beim DFB womöglich nun bereut.“

Falsch ist, dass es beim DFB jemand bereut hat. Richtig ist: Wir hatten das Quartier schon lange vor dem DFB gebucht und Oliver Bierhoff sofort informiert, als es die Nationalmannschaft ebenfalls zum Teamquartier bestimmte. Denn: Es gibt ein Gentleman-Agreement zwischen der Nationalmannschaft und allen Reportern, sich nicht in das DFB-Hotel einzubuchen. Der Wunsch der Spieler nach Privatsphäre im Quartier wird akzeptiert.
Dass Reporter im Teamhotel wohnen, ist schon daher länger nicht mehr üblich. Früher war das mal anders…

Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir Reporter bei Trainingslagern des FC Bayern im Mannschaftshotel wohnten, der Klub die Zimmer sogar für uns organisierte (die wir natürlich selbst bezahlten). Eine Zeit war Marbella das bevorzugte Winter-Quartier. Da kam es schon mal vor, dass ich mit Ottmar Hitzfeld zufällig am Morgen gemeinsam im Fahrstuhl zum Frühstück fuhr (der Trainer wohnte sogar bei uns auf dem Gang). Auch Fragen konnten bei der Gelegenheit gestellt werden – alles kein Problem.

Der Privat-Strand des Radisson-Hotels in Sotschi
Der Privat-Strand des Radisson-Hotels in Sotschi

Inzwischen ist so ein enges Zusammenleben von Verbandsseite wie bei den Klubs nicht mehr gewollt, was im Zeitalter der Handyfotos und Tweets nachvollziehbar ist. Dabei funktioniert es auch heute noch, wie wir jetzt in Sotschi festgestellt haben.

Anfangs gab es in der Spieler-Reporter-WG bei den zufälligen Begegnungen noch ein vorsichtiges Abtasten. Ein kurzes Zuwinken vor dem Fahrstuhl, ein flüchtiges Hallo auf dem Weg zum Essen. Mein Kollege Tobi sah sich fragenden Blicken gegenüber, als er in den Aufzug mit Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Matthias Ginter und Mario Gomez trat. Als die jedoch merkten, dass er ihnen nicht auflauerte, sondern nur zum Essen fahren wollte, entspannte sich die Situation.

Es gibt ungemütlichere Arbeitsplätze…
Es gibt ungemütlichere Arbeitsplätze…

„Noch einen schönen Urlaub!“, lautete Joshua Kimmichs Standard-Spruch, wenn er uns auf dem Weg zum Pool oder zum Strand (natürlich nach getaner Arbeit…) sah. Wir revanchierten uns mit demonstrativer Nichtbeachtung. „Bitte nicht Ansprechen! Es ist kein Medienzeitfenster und ich habe jetzt Feierabend“, begrüßte ich Gomez, Rudy und Goretzka, die meinen Scherz mit einem Schmunzeln quittierten. Das Interesse für das Leben der anderen ging sogar soweit, dass sich Kimmich, Rudy und Goretzka schon mal die Stühle holten, um uns Reportern beim Tennis zuzusehen. Ich gebe zu: Ich war dankbar, dass mein Match schon vorbei war. Da ich zumindest Kimmichs Tennis-Qualitäten kenne, wäre mein Auftritt wenig beeindruckend gewesen. Oder ehrlich gesagt: In der Tat peinlich für mich.

Pressekonferenz im Mannschaftshotel
Pressekonferenz im Mannschaftshotel

Wenn einer aber die Wohnsituation entspannt nahm, dann der Trainer selbst. Jogi Löw ist in Sachen Lockerheit eine Liga für sich. Die Fotos von ihm am Sotschi-Strand sind jetzt schon legendär. Auch ich hatte meine persönliche Jogi-Jogg-Begegnung, als ich mir um 7.30 Uhr die Laufschuhe schnürte. Kurz nach mir trat Löw auf die Promenade mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ Die bereits aufgebauten Kameras hatten den Bundestrainer da schon längst im Visier. Merke: Löw ist alles andere als ein Morgenmuffel und schon zu früher Stunde zu Scherzen aufgelegt. Das sieht dann so aus: Löw täuscht vor den Fotografen-Linsen einen Laufweg nach links an, schlägt dann einen Haken, um in die gegengesetzte Richtung davon zu joggen.

Ich tue es ihm gleich, dann der Laufweg zum Stadion ist der Schönere. Jogis Tempo kann ich sowieso nicht mitgehen und ich habe auch nicht vor, Löw bei seiner Entspannungseinheit zu stören. Am „Fisht Stadium“ drehe ich wieder um. Als ich nach knapp 30 Minuten wieder zurück bin, stehen die Kameras noch da, wartend auf Löw. Der Bundestrainer hält offenbar länger durch als ich. Während der Fokus auf die Laufstrecke hinter mir gerichtet ist, atme ich erstmal fünf Minuten durch. Da ich dadurch den Strandabschnitt hinter den Kollegen im Blick habe, sehe ich Löw als Erster überraschenderweise auf der „falschen“ Seite zurückkehren. Schnell werden die Kameras auf meinen Hinweis hin umgeschwenkt.

Löw  begrüßt mich bei der morgendlichen Lauf-Einheit
Löw begrüßt mich bei der morgendlichen Lauf-Einheit

Auf den Weg ins Hotel wird Löw noch von einem Fan aufgehalten, so dass sich vor der Terrasse unsere Wege noch einmal kreuzen. „Eine neue Runde gefunden?“, frage ich. Der Bundestrainer zwinkert mir zu, meint darauf: „Man muss da zwar zurück an der Straße laufen, dafür gibt es weniger Rummel…“ Jogi gibt mir die Hand und verabschiedet sich dann mit den Worten: „Was für ein schöner Morgen!“

Mit dem Fahrrad ins Stadion
Mit dem Fahrrad ins Stadion

Der Samstagabend im „Fisht Stadium“ sollte noch viel besser werden! Ob Confed-Cup oder WM – Sotschi ist für die deutsche Nationalmannschaft immer eine Reise wert – gerne wieder mit gemeinsamer WG…

P.S. Fotos mit Spielern oder Löw innerhalb des Mannschaftshotel gibts es diesmal bewusst nicht im Blog. Auch das gehört zum Gentleman-Agreement …

Das "Fisht Stadium" liegt in Sichtweise des Mannschaftshotels
Das „Fisht Stadium“ liegt in Sichtweise des Mannschaftshotels