„Heute schon Deine Tabletten genommen?“

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Die BILD-Kollegen titeln in ihrer Dienstags-Ausgabe „Phantom Deisler – heute vor elf Jahren trat er vom Fußball zurück“. Tatsächlich war Deisler schon zu seiner aktiven Spieler-Zeit ein Phantom.

Seine damalige Mietwohnung (eine der teuersten Münchens) lag in Fußweite meines SPORT BILD-Büros, direkt neben dem Deutschen Museum. Wenn ich spät im Nachtleben unterwegs war, brannte oft in der Glaspyramide auf seiner riesigen Dachterrasse noch Licht. Schon damals fragte ich mich: Was treibt den Jungen da oben nur um? Später bekam ich mehr und mehr Antworten darauf.

Deislers Depressionen wurden schon lange vor seinem Rücktritt öffentlich gemacht. Im November 2003, seiner zweiten Bayern-Saison, bekam er vom Klub für eine stationäre Behandlung eine Auszeit, im Oktober 2004 eine weitere. Seither stand das Thema ständig im Raum, während der Klub seinen Spieler davor zu schützen versuchte. „Bei Ihren Fragen denke ich mir auch manchmal, ob sie nicht Tabletten nehmen“, fauchte Uli Hoeneß in seiner Rolle als Abteilung Attacke einen Kollegen des Bayerischen Rundfunks an, als ihm dessen Nachhaken zum Krankheitsfall Deisler auf der Pressekonferenz zu bunt wurde.

Aber auch in der Kabine blieb Deisler nicht verschont. „Heute schon Deine Tabletten genommen?“, begrüßte ihn morgens regelmässig ein Mitspieler (aus juristischen Gründen will ich den Namen nicht nennen, obwohl ich ihn kenne). Wahrscheinlich war der dumme Spaß eher ein Akt der Unwissenheit als böse Absicht. Für Deisler machte das die Sache sicher nicht besser. Klar ist aus heutiger Sicht: Ob Mitspieler oder die Medien – wir alle waren im Umgang mit Sebastian nicht sensibel genug, ich nehme mich da gar nicht aus. Das heikle Thema Depressionen im Geschäft Profi-Fußball war neu für uns, was keine Entschuldigung sein darf.

Einzeltermine mit Sebastian, der sich mehr und mehr zurückzog, waren absolute Ausnahmen. Mein letztes persönliches Interview führte ich als tz-Reporter mit ihm im Januar 2006 auf einer Hotelterrasse im Trainingslager in Dubai, wo er im Januar im Jahr darauf seinen Rücktritt vom Profi-Fußball beschließen würde. Und natürlich lautete meine erste Frage: „Wie geht es Ihnen?“ Bevor Deisler darauf antwortete, klopfte er dreimal auf den Holztisch. Danach zeigte er sich überraschend offen.

Grund dafür war seine neue Aufgabe als Vater. Wenn ich heute seine Sätze lese, überrascht es mich, wie frei Sebastian für ein kurzes Zeitfenster über sein Innenleben sprach. „Durch diese Geburt relativiert sich einiges. In diese Baby-Augen zu schauen, bringt dich auf ganz andere Gedanken“, erzählte er. „Du hast für jemanden Verantwortung und Dir wird bewusst, dass Du stark sein musst für einen Kleineren, der deine Hilfe braucht. Das gibt Dir täglich Antrieb.“ Auch, dass er mit seinem Schritt an die Öffentlichkeit eine Vorreiter-Rolle übernommen hat, freute und bestätigte ihn. Seine Botschaft formulierte er so: „Umso wichtiger ist es ehrlich zu sich selbst zu sein, und sich einzugestehen, dass es nicht mehr geht.“

Aus seinen eigenen Augen strahlte Lebensfreude, die er mit auf den Platz nehmen wollte, um Michael Ballack als Lenker des Bayern-Spiels zu beerben. Er verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Ansonsten kann ich sagen, ich bin glücklich. Sehr, sehr glücklich!“

Leider konnte Deisler dieses Glück nicht festhalten, der Antrieb reichte für eine Karriere zum Fußball-Weltstar nicht aus. Das Zeug dazu, hatte er. Deisler ist inzwischen von seiner Frau getrennt. Ich hoffe für ihn, dass sein Sohn ihm für sein privates Leben weiterhin ein Antrieb ist.