Hoeneß: „Hören Sie auf!“ Nein, wir machen unseren Job

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„Lassen Sie mich in Frieden!“, so begrüßte Uli Hoeneß meinen BILD-Kollegen am Montagmorgen am Münchner Flughafen. Das angefragte Thema: Thomas Müller. Ich beobachte die Szene aus ein paar Metern Entfernung. Der Reporter lässt sich nicht so schnell abschütteln, hakt nach, ob der Präsident denn Müller beim Spiel gegen Piräus aufstellen würde? Hoeneß sichtlich erregt: „Hören Sie auf!“

Bei der Sicherheitskontrolle stehe ich hinter Uli Hoeneß, der nun schon sichtlich wieder besserer Laune ist. Wir plaudern ein wenig über seinen bevorstehenden Rückzug aus beiden Ämtern als Präsident sowie Aufsichtsratschef und die großen Transfers seiner Karriere. Offiziell äußern will sich der Klub-Patron zu dem Zeitpunkt immer noch nicht. Das ist für mich okay. Umso verwunderte registriere ich, dass zehn Minuten später Hoeneß an unserem Gate G10 doch Fragen beantwortet. Thema natürlich auch: Thomas Müller.

Ich komme dazu, als Hoeneß gerade erklärt: Es sei doch klar gewesen, dass es für Müller schwer würde, wenn Coutinho kommt. Die Medien, insbesondere wir, die BILD-Zeitung, seien schuld an der Situation, wenn wir dauernd über die Reservistenrolle des Ur-Bayerns berichten würden. Schon ist man mitten in einer Diskussion mit Uli Hoeneß.

Das hört sich dann so an:

Ich: „Entschuldigen Sie, wenn ich da einhaken muss. Aber wenn Sie uns schon namentlich ansprechen: Es hat ja Redebedarf gegeben. Es gab ein Gespräch von Müller mit dem Trainer und es gab ein Gespräch von Müller mit dem Vorstand.“

 

Hoeneß: „Es geht doch nicht darum. Dann ist es auch wieder mal erledigt. Aber bei Euch wird jede Woche die Geschichte weitergemacht. Man zwingt den Trainer praktisch, ihn aufzustellen. Das ist einfach eine Schweinerei.“

 

Ich: „Wir müssen doch darüber berichten…“

 

Hoeneß: „Der Thomas kann auf der Position von Coutinho spielen, wunderbar. Dann kann aber der Coutinho nicht spielen. Gut.“ 

 

Ich: „Es könnten ja beide spielen, mit Müller auf Außen.“ 

 

Hoeneß: „Ach, das geht doch nicht, das weiß doch jeder. Das mag er doch auch gar nicht.“ 

 

(Anmerkung am Rande: Am nächsten Tag werde ich auf dem Zettel mit der Startformation von Niko Kovac lesen: Coutinho UND Thomas Müller spielen. Müller beginnt erstmal auf Außen…) 

 

Das Thema Müller lässt offenbar nicht nur uns Reporter nicht los, sondern auch Uli Hoeneß. Der Präsident bahn sich auf dem Flieger extra noch mal den Weg zu uns Journalisten in die hinteren Reihen. Hoeneß will uns noch mal mit Nachdruck versichern: „Keiner hat Interesse, Thomas Müller zu beschädigen! Keiner will ihn loswerden!“

Das Thema Müller ist bei Bayern nicht nur ein Thema über einen Spieler. Das Thema Müller ist für mich DAS Thema über die aktuelle Mannschaft. Es geht um nicht weniger als die Identität des Vereins. Müller wird in Athen zwei Tore von Robert Lewandowski vorbereiten, dennoch ist der 3:2-Sieg der Münchner wenig überzeugend. Drei Worte, die nach der Partie fallen, stimmten mich nachdenklich. Denn ich hatte sie in Athen (3:2 bei Olympiacos Piräus) von Manuel Neuer bereits zum zweiten Mal innerhalb von vier Tagen gehört: NICHT BAYERN-LIKE! So hatte der Kapitän auch die schwache Leistung beim 2:2 in Augsburg bezeichnet. Tatsächlich ist von dem Mia-san-mia-Gefühl derzeit rund um den Klub, der mich 365 Tage im Jahr beschäftigt, wenig fühlbar. Das legendäre Bayern-Gen, das samt Siegermentalität bei der Vertragsunterschrift in München eingeimpft würde (wie mir Uli Hoeneß einst sagte), scheint dem Team von Niko Kovac abhanden zu kommen. Auch die Verantwortlichen scheinen das zu spüren. Den drohenden Verlust der Bayern-Identität spiegelt nichts besser wider als die Nervosität der Verantwortlichen in der Cause Thomas Müller.

 

Ich frage mich: Wer sind die neuen Spieler, die das Mia-san-Mia-Gen auf die Mannschaft übertragen sollen? Von Coutinho, der gerade mal ein Jahr ausgeliehen ist, darf man es sicher nicht erwarten. Ivan Perisic, ebenfalls ein Jahr ausgeliehen? Wohl kaum. Lucas Hernandez fällt in der noch jungen Saison schon zum wiederholten Male aus. Im Abstellungs-Streit Bayern gegen Frankreich entschied er sich für die „Equipe Tricolor“. Bayern-like? Hmmh… Auch sein Landsmann Benjamin Pavard spielt noch alles andere als „Bayern-like“.  

 

Thomas Müller habe ich übrigens auch noch am Flughafen getroffen. Er wollte nichts zum vieldiskutierten Thema sagen – und hielt sich auch daran. Das Theater um seine Person ist ihm glaubhaft unangenehm. Er hat dazu allerdings eine andere Haltung als Uli Hoeneß. Müller meinte verständnisvoll zu mir: „Ihr macht ja nur Euren Job.“

 

Souverän von Müller. Oder treffender gesagt: Bayern-like.