„Mir ist es piepschnurzegal“ – Ein Tag bei Rüdiger in London

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Das Schild in der Einfahrt lässt eigentlich keinen Spielraum: „Spielern ist es nicht erlaubt zu halten, um Autogramme zu schreiben wegen der Verkehrsgefährdung.“ Kurz darauf hält direkt davor Fikayo Tomori mit seinem schwarzen Mercedes-Benz G-Klasse. Der 21-jährige Innenverteidiger beglückt einen wartenden Fan mit seiner Unterschrift. Willkommen in „Cobham“, dem Trainingsgelände des FC Chelsea.

 

Neben dem Wärter-Häuschen weht eine Fahne und verkündet auf seiner Aufschrift: „Chelsea the Pride of London“ – der FC Chelsea, der Stolz der englischen Metropole. 40 Kilometer südwestlich des Stadtzentrums ist der Premiere-League-Klub zu Hause. Die Rezeption-Chefin begrüßt uns auf Deutsch. Sie habe vor Jahren mal in Nürnberg gewohnt, erzählt sie mir. „Deutsch spricht man hier selten. Selbst Toni redet mit mir Englisch“, sagt sie, bevor sie im nächsten Moment ein Telefonat in fließendem Französisch annimmt. Toni, das ist Antonio Rüdiger. Ich treffe den deutschen Nationalspieler und Abwehrchef des FC Chelsea zum Interview für die „BILD am SONNTAG“.

 

Toni kommt selbst raus, um uns abzuholen. Der Klub hat einen Raum für uns reserviert, mit Blick auf den Trainingsplatz. Gleich neben dem Gelände sind Gleise, dahinter der kleine Bahnhof, der das Örtchen mit London verbindet. „Ich bin jetzt hierhergezogen“, erzählt Toni. Er möchte es jetzt ruhiger haben, spart sich die Strapazen des Stadtverkehrs auf dem Weg zum Training. Tatsächlich wirkt er unglaublich entspannt, so wie er mit seinen Badeschlappen vor mir steht. Bei dem lässigen Auftritt erinnere ich mich, dass Rüdiger vor seiner Verletzung bei seiner letzten Länderspiel-Einladung zusammen mit Leroy Sané am DFB-Quartier ankam. Der City-Star trug ein Luxus-Outfit, auffällige Lammfell-Lederjacke und Glitzer-Rucksack von Louis Vuitton. Ich frage Toni, wie er die Szene als Beobachter wahrnahm. 

Beim Gedanken an die weiße, mit Graffiti beschmierte Jacke muss Rüdiger selbst kurz schmunzeln. Dann sagt er aber ernst: „Mir ist es piepschnurzegal, mit welchem Rucksack Leroy zur Nationalmannschaft kommt.“ Der Chelsea-Profi findet, dass es typisch für Deutschland sei, dass darüber diskutiert wird. Auch wir in BILD hatten über diesen Sané-Auftritt berichtet („Sané kam im 25000-Euro-Outfit“). Genauso irritierend fand Rüdiger, dass über den Preis von Sanés Tasche geschrieben wurde. „Ich frage mich dann: Würden es die Leute, wenn sie es sich leisten könnten, nicht auch tun?“, sagt er. „Jeder soll sein Ding machen können. In England wird das respektiert.“ Der Verteidiger hält kurz inne, fügt dann etwas nachdenklicher an: „Fakt ist aber auch: Wenn es sportlich nicht läuft, dann werden solche Dinge erst recht wieder hervorgeholt. Damit musst du dann auch leben.“

 

Wir sind gerade im Gespräch über Werte und Rassismus (das Haupt-Thema unseres Interviews) in der heutigen Gesellschaft, als N’Golo Kanté durch das Fenster in der Tür blickt. Flüchtig winkt der Weltmeister freundlich herein, verschwindet dann aber schnell. Ich muss Toni einfach fragen: Ist Kanté, einer der aktuell besten Spieler der Welt, wirklich so schüchtern, wie es heißt? Toni muss unwillkürlich lachen. Schüchtern sei im Fall von Kanté eher ein Hilfsausdruck. Er habe auf diesem Niveau nie einen Spieler erlebt, der bodenständiger und bescheidener sei. Selbst bei von ihm erzielten Toren sei dem Mittelfeldstar unangenehm, dadurch einen Moment im Mittelpunkt zu stehen.

 

Es ist während des gesamten Interviews im Raum zu spüren, wie wohl sich Rüdiger beim FC Chelsea fühlt. Während er uns nach dem Gespräch hinausbegleitet, fallen ihm immer wieder Mitarbeiter und Spieler in die Arme, klatschen in lachend ab. „Mein persönlicher Traum war immer die Premiere League“, sagt Toni. Der Wechsel zuvor vom VfB Stuttgart zum AS Rom nach Italien sei ein bewusster Schritt gewesen. Er wollte spezifisch als Verteidiger dazu lernen. „Es gibt für Abwehrspieler wohl kaum eine bessere Schule als eine Ausbildung in der Serie A“, sagt er, stellt dazu klar: „Nicht mal in England ist das Defensiv-Spiel so intensiv.“ In England lebe er aber nun seinen Traum.

 

Zum Abschied bietet der Abwehrchef des FC Chelsea an, uns noch ein Taxi zu rufen. Ich winke ab. „Zum Bahnhof gehe ich gerne zu Fuß“, sage ich ihm. „Cobham ist ja ein Dorf.“ Toni lacht und meint: „Ja, und das genieße ich jetzt.“ Es ist schön zu sehen, dass auch ein Fußball-Star die einfachen Dinge im Leben zu schätzen weiß. So wie du und ich. Um Tonis Frage abschließend zu beantworten: Einen Glitzer-Rucksack würde ich mir nicht kaufen, auch wenn ich mir ihn leisten könnte.

Rüdiger übrigens auch nicht.