Mit Chauffeur Hamann zu Emre Can

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Wer Fußball liebt, den zieht es auf die Insel. Allein wichtig dabei: Das Wetter muss einem dabei völlig egal sein. „Dass Winter ist merkst Du in England, wenn es durchgehend regnet. Irgendwann spürst du das gar nicht mehr“, sagt mir Didi Hamann. In Deutschland ist der Ex-Profi des FC Bayern jeden Freitag beim Abendspiel als Sky-Experte präsent. Was die wenigsten Zuschauer wissen: Hamann fliegt dafür jedes Mal extra ein. Seinen Wohnsitz hat er in Manchester, wo er von 2006 bis 2009 für City spielte. Seine Liebe gilt jedoch dem FC Liverpool.
Bei den Reds reifte er in England zur Legende (1999 bis 2006), mit dem Höhepunkt des Champions-League-Gewinns 2005. Hamann wurde bei einem 0:3-Rückstand im Endspiel gegen den AC Mailand zur Pause eingewechselt. Liverpool gewann noch im Elfmeterschießen. Auf dem Rückflug aus der Finalstadt Istanbul sollen seine Mitspieler gesungen haben: „Three goals down, what the fuck! Didi Hamann brought the cup!“ Didi bleibt bei seiner Meinung: Campino hat es erfunden! „Das erzählt er ja gerne. Ich hatte ihn nach dem Triumph auf die Mannschaftsmaschine eingeladen. Wahrscheinlich hat er sich das dort ausgedacht.“ Ich erwidere: „Das ist sein Job. Immerhin ist er ja auch Songwriter…“ Der Sänger der „Toten Hosen“ ist bekennender Liverpool-Fan – so wie die Reds auch mein Lieblingsklub auf der Insel sind. Daher freue ich mich ganz besonders, als ich den Flieger nach England steige.
In Manchester quartiere ich mich immer in „Alderley Edge Hotel“ ein, wenige Fußminuten von Didis Haus, noch näher aber zum Pub „Old Trafford Arms“. Didi und ich kennen uns schon seit über 15 Jahren. Unser erstes Interview führten wir im legendären Hotel Gravenbruch, nahe Frankfurt, wo sich die Nationalmannschaft vor Länderspielen zu treffen pflegte. Didi ist heute noch von dem Hotel begeistert, ich erinnere mich nur an die langen Abenden in dem Vorort. Seither sind wir in Kontakt geblieben. Didis Karriere ist inzwischen zu Ende, gemeinsam wollen wir aber die nächste deutsche Spieler-Generation in Liverpool treffen: Emre Can.


Wie Hamann wurde auch Can in der Jugend des FC Bayern ausgebildet. Seit 2009 verfolge ich seine Entwicklung, 2012 schaffte er den Sprung zu den Profis. Vor der Spielzeit 2013/2014 sagte Pep Guardiola dem gebürtigen Frankfurter, dass es für ihn schwer würde zu spielen. Can zögerte nicht lange, wechselte darauf zu Bayer Leverkusen. Nach starken Leistungen kaufte ihn nach nur einer Saison der FC Liverpool. „Ich bin mit 15 Jahren von zu Hause weggegangen, daher war ich es früh gewohnt, mich um mich selbst zu kümmern“, erklärte mir Can, woher er stets den Mut für seine Entscheidungen aufbringt. In seiner neuen Heimat Liverpool besuche ich ihn mindestens einmal pro Saison, aber lieber noch öfter. Diesmal in Begleitung mit Didi Hamann!
Wir treffen uns in der Manchester Innenstadt, denn Didi hat noch zu tun. Mit seinem Auto geht es daraufhin nach Liverpool. Auf der Hinfahrt sitzt ein Freund Didis am Steuer, bei der Rückfahrt übernimmt er selbst. Ein ehemaliger Fußball-Profi als Chauffeur ist auch für mich eine Premiere. An guten Tagen braucht man für die Strecke 30 Minuten, heute ist jedoch ein schlechter: Stau. Eineinviertelstunden brauchen wir im Berufsverkehr. Emre Can erwartet uns schon in der Lobby des „Malmaison Hotel“, wo auch ich schon die eine oder andere Nacht verbracht habe und sogar ein paar englische Hochzeiten hautnah miterleben durfte. Heute ist das Hotel Schauplatz für unser Doppelinterview: Die deutschen England-Legionäre Hamann und Can sprechen über ihren FC Liverpool.
Can und Hamann haben sich zuvor nie richtig persönlich kennengelernt. Eigentlich sollte ich das Gespräch moderieren, aber die beiden springen selbst von Thema zu Thema. Sie stellen schnell fest, dass es noch mehr Verbindungen als den FC Bayern und Liverpool zwischen ihnen gibt. „In Leverkusen war doch mein alter Teamkollege Sami Hyypiä Dein Trainer?“, fragt Hamann. „Das war echt ein Wahnsinnskerl!“ Can nickt zustimmend und lacht. Aufmerksam hört der Nationalspieler zu, wie Hamann von den Anfängen Steven Gerrards bei den Reds erzählt. „Natürlich war ich damals einer der erfahrensten Spieler. Doch bei Steven brauchte ich keine großen Anweisungen geben“, so Didi. „Schnell merkte ich, dass es genügte, ihm den Ball zukommen zu lassen, um dann staunend zu verfolgen, was er alles damit macht.“ Während Hamann die Liverpool-Legende als jungen Profi kennenlernte, waren die Rollen bei Can anders herum verteilt. „Als ich zu Liverpool wechselte spielte Steven schon etwas weiter hinten auf der Sechs, also eher Deiner Rolle“, sagt Can. „Von ihm konnte ich unheimlich viel lernen, auch außerhalb des Platzes.“ Besonders in Erinnerung blieb ihm dabei eine Anekdote. Ein Freund hatte Can begleitet und wollte Gerrard um ein Autogramm fragen, wusste aber nicht so richtig, wie er es am besten anstellen sollte. „Er musste ihn nicht mal fragen“, erzählt sich Can. „Als Steven aus 30 Metern sah, dass ich in Begleitung war, kam er sofort auf meinen Freund zu, gab ihm die Hand, stellte sich vor und fragte, ob er etwas brauche. So ein Typ ist er.“ Bis heute stehen die beiden ehemaligen Mittelfeld-Kollegen im Kontakt. Bei Emres Tor simste ihm Gerrard: „Good strike, mate!“
Gerrard spielte zuletzt in den USA bei Los Angeles Galaxy. Trainer Jürgen Klopp würde ihn jedoch gerne in den Trainerstab beim FC Liverpool holen. Wer weiß, denke ich, vielleicht sitzt in unserer nächsten Reds-Runde ja die nächste Liverpool-Legende mit am Tisch.

Das Doppelinterview mit Emre Can und Didi Hamann lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von SPORT BILD und unter http://sportbild.bild.de/fussball/premier-league/premier-league/fc-liverpool-emre-can-ueber-juergen-klopp-sport-bild-interview-49298552.sport.html

Auf ein Feierabend-Guiness im Pub Trafford Arms