Mit Luca Toni um die Welt

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Das erste, was mir auffällt, ist sein breites Lachen. Das zweite natürlich sein Sakko. Uli Stielike kommt mir in den Sinn. Doch Luca Toni kann das tragen, wie er wohl alles tragen kann. Das Sakko kommt dennoch in den Einstieg meiner Reportage, das beschließe ich schon bei der Begrüßung. Küsschen links, Küsschen rechts – das kenne ich bei Fußballern auch nur von ihm. Dann zeigt mir Luca das Trainingsgelände seines Klubs Hellas Verona, wo er jetzt als Berater des Präsidenten arbeitet.

Luca Toni Interview Christian Falk
Luca zeigt mir das Hellas-Trainingszentrum am Gardasee, rund 30 Kilometer von Verona
Luca Toni und ich kennen uns inzwischen schon neun Jahre, er ist gerade mal eins älter als ich. Sein Wechsel 2007 zum FC Bayern war damals eine Sensation: Der Weltmeister-Stürmer aus Italien kommt in die Bundesliga. Überhaupt hatte mit Ruggiero Rizzitelli nur ein Italiener zuvor für die Münchner gespielt (1996 bis 1998), kein anderer war vor ihnen aus der Seria A in der Bundesliga gewechselt. Ein Interview vor der Vorstellung zu bekommen, war unmöglich. Der FC Bayern hatte es Toni verboten. Diesen Transfer-Coup wollte der Klub selbst erstmals bei seiner Vorstellung – es wurde für die Pressekonferenz zusammen mit Franck Ribéry extra ein Hotelsaal angemietet – sprechen lassen. Mein Chefredakteur wollte das Interview dennoch unbedingt. Deshalb flog ich in Lucas Heimatort Stella bei Modena. Ihn fand ich nicht – dafür seine Eltern.

Zu Hause in der Küche von Luca Tonis Eltern
Zu Hause in der Küche von Luca Tonis Eltern
„Meine Mama und mein Papa sind zu gutmütig“, erinnert sich Luca an die Geschichte, während wir über den Platz schlendern. „Einen italienischen Journalisten hätten sie garantiert rausgeworfen. Aber bei Dir dachten sie: Wenn der Reporter schon extra den weiten Weg aus Deutschland macht, kann man ihm nicht die Tür vor der Nase zuschlagen.“ So erzählte mir Tonis Mama, wie sie Lucas Lieblingsnudeln selbst macht, während sein Vater erklärte, dass er das Haus mit seinen eigenen Händen gebaut hatte. Wir aßen Kirschen und blätterten im Familien-Album. Es war ein wunderschönes Reportage-Thema. Mein damaliger Chefredakteur war weniger begeistert. Wütend weil ich Toni sich selbst nicht bekommen hatte, bekam ich für die Geschichte nur eine Seite. Das Aufmacher-Bild war zudem statt Lucas Elternhaus: Toni in einer TV-Show. Ein Kollege vom „Stern“ fragte mich später, ob ich verrückt gewesen sei, die Geschichte so zu verschenken. Damit hatte er defintiv Recht.

Das Interview vor Tonis Vorstellungen sollte ich nie bekommen – dafür aber sein erstes in Deutschland. Der FC Bayern vergab immer noch keine Einzel-Termine mit dem neuen Star. Also fragte ich den Pressesprecher, ob Toni denn für Interviews generell noch gesperrt sei. Als er das verneinte, hakte ich nach: Und wenn ich ihn in seiner Freizeit zu einem Interview überreden würde? Der Pressesprecher war von meinen permanenten Anfragen schon etwas genervt und offenbar glaubte er, dass ich Toni ohnehin nicht überreden würde können. Also sagte er: Ja.

Ich wusste, dass Luca anfangs noch im Vierjahreszeiten in der Maximilianstraße wohnte. Ich mietete den Tagungsraum hinter der Lobby an – und baute ihn zusammen mit meinem Fotografen mächtig um. Eine Leinwand wurde als Hintergrund aufgebaut. Die Hotelgäste staunten nicht schlecht, als wir eine alte Vespa durch das Foyer rollten. Auch, weil hinten auf dem Gepäckträger der goldene WM-Pokal festgezurrt war. Vor dem Training wartete ich dann, um Luca abzufangen. Als er endlich auftauchte, zeigte ich ihm erst die Fotos mit seinen Eltern. Ich hatte nun seine Aufmerksamkeit und führte ihn daraufhin den Raum. Lucas Augen strahlten. Liebevoll streichelte er erst die Vespa, dann den Pokal. „Copa del mondo“, flüsterte er. Die Mühe, die wir uns gemacht hatten, wusste er zu schätzen – und sagte mir für den Nachmittag das Interview samt Foto-Shooting zu.

Die Vespa brachten wir für Lucas erstes Münchner Fotoshooting ins Hotel Vierjahrezeiten
Die Vespa brachten wir für Lucas erstes Münchner Foto-Shooting ins Hotel Vierjahrezeiten…
… und den WM-Pokal gleich mit
… und den WM-Pokal gleich mit
Nach unserem Start blieben wir in Kontakt. Luca schrieb als Kolumnist für SPORT BILD, nachdem er im Pokalfinale beide Tore beim 2:1-Sieg 2008 über Dortmund erzielt hatte. Ich war sein Ghostwriter. Einmal steckten wir ihn für ein Foto-Shooting in eine römische Toga. Luca hatte an ausgefallenen Ideen immer Spaß. Dann kam allerdings Louis van Gaal als Trainer zum FC Bayern – und vertrieb Luca nach einer halben Saison aus München. Er ließ sich erst an den AS Rom verleihen, spielte danach für Genua und ging dann zu Juventus Turin. In dieser Zeit verlor sich leider unser Kontakt. Allerdings kannte ich einen seiner Mitspieler bei Juve sehr gut: Hasan „Brazzo“ Salihamidzic. Bei zwei Ex-Münchnern in Turin musste ich da natürlich hin. Ein Doppel-Interview mit zwei Spieler ist bei Juventus ein Ding der Unmöglichkeit. Erst Recht, wenn es nicht mal ein italienisches Medium ist. Die Anfrage konnte ich mir sparen. Ein Problem ist es jedoch nie, wenn Brazzo mit im Boot ist. Er arrangierte einfach alles. So trafen wir uns außerhalb des Klubs in einem schönen Restaurant bei Pasta und Wein. Und Luca brachte er auch gleich mit.

Ich hatte beiden SPORT BILD-Titelseiten der Trainer auf ihre Plätze gelegt, die sie aus München vertrieben hatten. Während Brazzo beim Anblick von Felix Magath lachte, drehte Toni das Antlitz von Louis van Gaal direkt mit spitzen Fingern um. Dann erzählte er ausführlich, wie ihn der Holländer gedemütigt hatte. Die lustigste Anekdote handelte davon, dass sich van Gaal in einer Mannschaftssitzung die Hose herunterzog und auf seine Hoden deutete. Die Mannschaft bräuchte so dicke Eier, wie er sie habe, tönte er. Ich fragte Luca, ob man denn wirklich alles gesehen hätte. Er lachte, meinte, er habe nichts gesehen. „Weshalb?“, hakte ich nach. Daraufhin zeigte Luca mit Daumen und Zeigefinger einen minimalen Abstand. Ich hatte verstanden, ohne dass er für das Interview eine druckreife Antwort gegeben hatte. Was haben wir gelacht. Danach sagte Luca sein offizielles Statement dazu: Er habe zu weit hinten gesessen, um genaueres zu sehen…

Luca, Brazzo und ich in Turin
Luca, Brazzo und ich in Turin
Nach Juventus folgte im Februar für Toni der „al-Nasr Sports Club“, den der Italiener Walter Zenga trainierte. Diesmal hatte ich Lucas aktuelle Nummer – und klar: Ich wollte ihn auch besuchen. Aufhänger der Geschichte war das erneute Pokalfinale Bayern gegen Dortmund, das Luca vier Jahre zuvor entschieden hatte. Von München nach Dubai sind es Luftlinie 4500 Kilometer – weiter war ich noch nie für ein einziges Interview gereist. In Dubai dagegen waren Toni und ich zuvor schon gemeinsam gewesen: im Trainingslager mit dem FC Bayern. Ich werde nie die erstaunten Gesichter von Miro Klose und Christian Lell vergessen, als ich bei ihrem Privat-Ausflug zu ihnen ins Auto stieg. Luca wollte die weißen Löwen-Babys des Scheichs sehen und ich versprach ihm, Fotos davon zu machen. Also war ich für die Tour von ihm miteingeladen. Das Bild, auf dem wir beide die kleinen Löwen in den Armen halten, hing lange in meinem Büro. Danach nahm uns der Löwen-Pfleger zu sich mit nach Hause. Der Gastgeber hatte groß aufgetischt und Luca war höflich genug, auch die angebotene Bier-Dose zu trinken. Vor dem Training. Auch da staunten Lell und Klose nicht schlecht.

Dubai mag für ein Trainingslager im deutschen Winter ganz lustig sein, zum Leben ist es etwas anderes. Ich merkte bei meinem Besuch gleich, dass Luca die Zeit in den Vereinigten Emiraten wenig Spaß machte. Er ist eine Lebemann und die strikten Verbote des exotischen Landes schränkten ihn darin ein. So wunderte es mich wenig, dass er nach ein paar Monaten wieder zur neuen Saison nach Italien zurückkehrte. Erst zum AC Florenz, dann zu Hellas Verona. Während für die meisten Profis Dubai das Karriere-Ende bedeutet, hatte Toni noch einen Höhepunkt vor sich: 2015 wurde er (zusammen mit Mauro Icardi/Inter Mailand) dank 22 Treffer mit fast 38 Jahren der älteste Torschützenkönig in der Geschichte der Serie A.

© Ashraf Al Amra Fussball International Dubai Luca Toni - Interview mit Christian Falk in Dubai E:SB_FOTORED_01PRODUKTION Zu_Beschriften_automatischFußballInterviewLuca Toni 07.05.2012 22:02:22
In Dubai wohnte Luca erneut im Hotel
© Ashraf Al Amra Fussball International Dubai Luca Toni - Interview mit Christian Falk in Dubai E:SB_FOTORED_01PRODUKTION Zu_Beschriften_automatischFußballInterviewLuca Toni 07.05.2012 22:02:24
Für das Interview zum Pokalfinale gegen Dortmund flog ich um die halbe Welt
Als wir nun in Verona zusammensaßen, plauderten wir nach dem Interview über unsere vielen gemeinsamen Stationen. „Eins musst du zugeben“, sagte Luca, breitete sein Grinsen aus und prostete mir mit seinem Rotweinglas zu: „Egal, wo ich Dich hingeführt habe: Es waren immer interessante Städte. Und: Es gab immer leckeres Essen.“ Ich konnte ihm da kaum widersprechen. „Wo besuche ich Dich denn dann als nächstes?“, erwiderte ich. Luca schmunzelte: „Wir werden noch ein paar schöne Sachen finden, da bin ich mir sicher. Wir sehen uns wieder, mein Freund!“ Ich freue mich darauf jetzt schon.

Entspanntes Gespräch in der November-Sonne Italiens
Entspanntes Gespräch in der November-Sonne Italiens
Den Report über Luca Tonis Aufgaben und Ziele bei Hellas Verona lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von SPORT BILD.