Mit Vidal auf dem Kriegspfad

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Mit rot-geäderten Augen schleicht Arsène Wenger an mir vorbei aus dem Stadion, nachdem er die Pressekonferenz nach den von der Uefa vertraglich festgelegten drei Pflichtfragen vorzeitig beendete. Die Mienen seiner Spieler sehen nach dem 1:5 nicht viel glücklicher aus. Ich warte auf Arturo Vidal, der mir vor dem Spiel ankündigte, er wolle den Gunners die Lust auf Fußball nehmen. Da hat er noch untertrieben, denke ich mir beim Anblick der tristen Londoner Reisegruppe. Dann kommt Vidal – mit einem breiten Grinsen unter dem Irokesen.

Er ähnelte in diesem Moment sogar nicht dem Bild, das wir für die Titelseite der aktuellen SPORT BILD von ihm ausgewählt haben. Der Chilene findet es dennoch Klasse, als ich ihm eine Ausgabe überreiche. „Gracias!“, ruft er beim Blick auf sein Foto, schlägt strahlend bei mir ein. Denn genau so grimmig wie auf dem Cover will er auf dem Spielfeld wirken.

„11 Krieger müssen wir sein“ lautet die Zeile seines Interviews. Arturo Vidal ist stolz auf diesen Namen, selbst seine Mutter rief ihn schon als Kind so. Wer aber mit dem Krieger spricht, wundert sich über die helle Stimme, seine fast kindliche Schüchternheit.

Erstmals traf ich Vidal im Januar 2014, damals noch im Trainingszentrum von Juventus Turin. Schon nach seinen ersten Antworten bekam ich einen guten Eindruck von seiner Mentalität. Ich fragte ihn, ob er bei seiner Spielweise und der von anderes Stars wie Xavi, Iniesta oder Schweinsteiger Parallelen sähe. Seine Antwort verblüffte mich, weshalb ich den Dolmetscher bat, noch einmal nachzufragen. Aber auch die zweite Übersetzung fiel gleich aus. Es gäbe viele Spieler, so Vidal, die auf dieser Position versuchen so zu spielen wie er und ihn „ein bisschen imitieren“. Er bliebe aber dabei: „Ich bin in dieser Rolle der Beste, weil keiner so gut wie ich verteidigt und zudem auch noch so viele Tore schießt.“

Seine Entschlossenheit war das eine, das mir auffiel. Das zweite seine offene Herzlichkeit. Kurzerhand lud er mich nach dem Gespräch zu sich nach Hause ein, weshalb ich meinen Personal-Ausweis, den ich an der Juve-Pforte für die Besucher-Akkreditierung hinterlegen musste, in Turin vergas. Als ich ihn auf der Autobahn im Wagen vor mir anrief, um ihm mitzuteilen, dass ich nun doch den letzten Flieger nicht mehr schaffe würde und umkehren müsse, lehnt er sich zum Abschied von der Rückbank aus dem Fenster und winkte mir zu. Bei Tempo 120. Den Pass sah ich jedoch so schnell nicht wieder. Später erfahre ich, dass Vidal ihn an sich genommen hatte. Fast drei Wochen später schickte er ihn mir mit der Post nach München.

Eineinhalb Jahre später saßen wir an der Säbener Straße für sein erstes Interview als Bayern-Spieler zusammen. Bei diesem Treffen sprach ich ihn auf meine ersten Eindrücke in Turin an, die seinem Krieger-Image so gar nicht gerecht wurden. „Das trifft es“, erwiderte er mit einem entschuldigenden Lächeln. „Der private Arturo ist durchaus sensibel.“ Zu Hause sei er ein ruhiger Typ, gerne lustig, immer positiv. Wenn er allerdings auf den Rasen gehe, habe er eine andere Persönlichkeit. „Dann spüre ich das Adrenalin in mir steigen und den Drang, unbedingt gewinnen zu wollen.“

Vidal kann austeilen, er kann aber auch einstecken. Unter der Überschrift „Die Skandal Akte Vidal“ berichteten wir im Februar 2016 mal nicht positiv über ihn. Natürlich gab es Ärger. Vidal antwortete mit Leistung und spielte eine überragende Rückrunde, nachdem er in seinen ersten sechs Monaten blass geblieben war. Das Thema ist für ihn wie für uns inzwischen abgehakt. Nicht jeder Profi kann das, Vidal schon. 


Fast auf den Tag genau ein Jahr später sitzen wir nun wieder mit ihm am Tisch. Und wie immer empfängt er uns mit einem Lächeln. Deutsch spricht er noch immer nicht. Trotz vier Jahren in Leverkusen und nun schon fast zwei bei Bayern, weshalb ein Spanisch-sprechender Kollege aus der Hauptredaktion in Hamburg zu uns einfliegen musste. Präsident Uli Hoeneß hat zuletzt gefordert, dass die Legionäre Deutsch sprechen müssen. Vidal nimmt das durchaus zur Kenntnis, versichert er uns. Es wirkt jedoch nicht, als würde er seine Deutsch-Kenntnisse darum zwingend vertiefen wollen. Er weiß, dass er vor allem auf dem Platz sprechen muss, mit Taten statt Worten. Er wechselte nach München, um endlich die Champions League zu gewinnen. Sein Kriegspfad ist also noch lange nicht beendet.