Moskau, Moskau …

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Wie reist es sich eigentlich mit der Nationalmannschaft? Das erste, was mir dazu einfällt: Die Spieler sitzen ganz vorne, wir Journalisten stets ganz hinten. Immerhin: Wir alle bekommen das gleiche Business-Class-Essen!

Während wir zur WM 2010 nach Südafrika noch zur Langstrecken-Premiere des ersten Airbus 380 samt Popstar Shakira einflogen, aus Brasilien mit dem „Siegerflieger“ und WM-Pokal nach Berlin zurückkehrten, erwartet uns diesmal auf der Frankfurter Startbahn lediglich ein kleineres Maschinen-Modell für den Flug LH 2018. Bordprogramm? Fehlanzeige. Dafür liegt auf jedem Platz ein Toiletten-Beutel, wie für einen Langstreckenflug. Enthalten: Flugsocken, Schlafbrille, Schuhlöffel, Kamm, Ohrenstöpsel, Zahnbürsten-Set und Lippenbalsam. Den knapp drei stündigen Flug hätte ich wohl auch so geschafft…

Auch bei der Landung in Moskau werden die Reisegruppen schnell getrennt. Nur ein kleiner DFB-Tross muss zurückbleiben. Die Medikamente für die deutsche Mannschaft kommen nicht so einfach wie gewünscht durch den Zoll. Wir Reporter müssen aber weiter: Zur Akkreditierungsstelle. Ohne den Umhänge-Ausweis mit dem Lichtbild geht journalistisch bei einer WM gar nichts. Für meinen Kollegen Tobi und mich sollte der direkte Weg zum Luschniki-Stadion, wo sich das Medienzentrum in Moskau befindet, zum Glücksfall werden. Denn so kommen wir quasi zu einem relativ privaten Mini-Konzert von Robbie Williams.

Das erste was wir vor der Arena erblicken, ist eine überdimensionale Lenin-Statue. Dahinter ist aus dem Stadion laute Musik zu hören. Es ist Robbie Williams Hit „Feel“, der in den Himmel Moskaus hallt. Die Generalprobe für die Eröffnungsfeier, bei der der englische Pop-Star singen wird, ist bereits in vollem Gange. Für ein paar ausgewählte Zuschauer sind die Ränge geöffnet, ansonsten ist das Gelände abgeriegelt. Doch der Schausteller-Eingang steht offen.

Wir spazieren an dem Ordner vorbei und befinden uns mitten in den Katakomben von Luschniki. Robbie Williams hat inzwischen seinen Schmacht-Song „Angel“ angestimmt. Wir stehen in einer Gruppe von jungen Russinnen, die in traditionellen Gewändern gekleidet sind. Sie haben den Innenraum offenbar gerade verlassen. Wir folgen daher einer zweiten Gruppe, die in die Gegenrichtung strömt. Sie tragen bunte Kostüme, die an die Elfen aus Shakespeares Sommernachtstraum erinnern. Wir schlüpfen mit ihnen durch einen kurzen Seitentunnel. Während sie sich bereit machen, um gleich auf dem Rasen ein großes Banner auszubreiten, ist Williams gerade mit seiner Nummer „Rock DJ“ fertig und verschwindet in die Katakomben unter der Haupttribüne.

Williams haben wir knapp verpasst, die Show geht aber weiter. Wir verfolgen die Tänzerinnen, die nun auf das Spielfeld tippeln, nicht weiter und setzen uns – mitten auf die Trainerbank.

Die russischen Ersatzspieler werden aufpassen müssen, falls sie zum Jubeln morgen mal aufspringen dürfen. Das Dach über der Bank hängt tief! Die Sitze sind dafür gut gepolstert und bequem.

Eine FIFA-Mitarbeiterin entdeckt uns und weist daraufhin, dass wir eigentlich keinen Zugang zum Innenraum haben. Wir haben auch genug gesehen und fragen nach dem Ausgang. Als wir wieder vor dem Luschniki-Stadion stehen, erklingt von drinnen die russische Nationalhymne.

Unser Hotel befindet sich gut 50 Kilometer außerhalb von Moskau, dafür nahe an der Mannschaft. Beim Einchecken an der Bar gibt es gleich ein überraschendes wie willkommenes Wiedersehen mit alten Bekannten! Die Ex-Nationalspieler Arne Friedrich und Jens Nowotny wohnen wie schon bei der WM 2014 zufällig bei uns auf der Anlage, arbeiten als Experten für einen chinesischen TV-Sender. Schon beim Frühstück zahlt sich das Aufeinandertreffen für mich aus. Der Ex-Leverkusener rettet mich vor dem etwas gewöhnungsbedürftigen russischen Buffet. Aufgrund der Verständigungsschwierigkeiten – so gut wie niemand spricht hier Englisch – gibt mir Jens seine zweite Portion Spiegeleier ab, die er versehentlich doppelt serviert bekam.

Die Fernost-Experten Arne und Jens raten mir, mich auf dem chinesischen Twitter-ähnlichen Portal „Weibo“ anzumelden. Um die chinesischen Fans würdig zu begrüßen, hilft mir Joshua Kimmich wenige Stunden später auf dem DFB-Gelände Watutinki mit einem kurzen, launigen Ni-hao-Video.

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Freitag scheint auch mal die Sonne. „Das Wetter ist nun endlich zum Genießen, die Spieler erfreuen sich schon daran auf ihren Liegestühlen“, ruft uns Oliver Bierhoff zu, der das Quartier klargemacht hat. Dennoch freuen wir uns schon auf den Umzug. Noch zwei Tage bis zum Spiel gegen Mexiko in Moskau – danach geht es mit dem ganzen Tross an den Strand von Sotchi.