Unser Leben mit Hummels, Müller & Co im „Weltmeister-Dorf“

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Jogi Löw schlendert vom Trainingsplatz herunter. „Ein wenig heiß ist es schon zum Trainieren“, begrüßt mich der Bundestrainer, ohne dass es wirkt, als würde das Wetter ihn wirklich belasten. Wir gehen zusammen ein paar Meter, reden über dies und das, als ihm plötzlich etwas durch den Kopf schießt. Mit einem Lächeln stimmt er eine kurze Strophe an: „I am from Austria“, singt Löw urplötzlich. „Eine wirklich schöne Hymne!“, kommentiert er seine spontane Gesangseinlage und mir wird klar: Die Vorbereitung auf das Testspiel gegen Österreich hat bei ihm spätestens jetzt begonnen…

Als Bayer kenne ich natürlich den Hit „I am from Austria“ vom unmittelbaren Landes-Nachbarn Reinhard Fendrich auswendig. Den größten Fendrich-Fan im Team hat Löw 2014 verloren. Der Österreicher spielte schon auf der Hochzeit von Ex-Kapitän Philipp Lahm. Der FC Bayern wollte den Sänger auch zum Lahm-Abschied auf den Marienplatz einladen, leider ging der Österreicher bei den FCB-Verantwortlichen nicht ans Telefon.

Mir verpasst Löw mit der Einlage einen schönen, aber hartnäckigen Ohrwurm („Do kann i moch’n wos I wül, do bin i Herr, do kea I hin…“. Im Trainingslager in Südtirol bekommt man tatsächlich schnell das Gefühl, dass man weniger in Italien als in Österreich oder vielmehr sogar in der bayerischen Heimat ist. Die Weinstraße von Eppan sollte für die Dauer des Trainingslagers in Weltmeister-Straße unbenannt werden – vor allem die Münchner WM-Sieger purzeln einem von Ort zu Ort nur so über den Weg.

Wir sind am Donnerstag in dem Restaurant „Zur Rose“ zum Abendessen in St. Michael. Auf der Terrasse winkt uns schon Mario Gomez entgegen, der mit seiner Familie ebenfalls zu Gast ist. Wenig später schlendert Thomas Müller Eis-schleckend über den Dorfplatz (mein Tipp: Auch Müller ist garantiert Fendrich-Fan). Mats Hummels und Joshua Kimmich spazieren ebenfalls kurz darauf übers Kopfsteinpflaster. Müller und Hummels haben wir einige Tage zuvor nur knapp in Bozen verpasst. Die beiden Münchner nutzten eine Radltour zu einem Ausflug in die Stadt. Manuel Neuer schlug dagegen mit dem Mountain-Bike die Gegenrichtung ein, landete am Kalterer See im Strandbad „Gretl am See“, wo ich mit meiner Familie gerne übers Wochenende ein bis zweimal im Jahr Urlaub mache.

Das Schöne hier ist: Die Weltmeister, Urlauber und Reporter leben in Eppan im harmonischen Einklang, so, als wären wir alle seit Jahren hier Nachbarn. Einige von uns verbinden dazu die Erinnerungen vom Trainingslager 2010, bei dem wir ebenfalls die WM-Vorbereitung hier verbrachten. Ein bisschen wehmütig wird man dabei schon, wenn man an die anstehenden Wochen denkt, die wir – ob Nationalspieler oder Reporter – in den einsamen Birken-Wäldern von Watutinki verbringen werden. Wie schön wäre dagegen eine Weltmeisterschaft mit den Spielorten Bozen, Meran, Brixen, Leifers, Bruneck und Eppan! Wie Jogi Löw wohl über so ein Alpen-Turnier denken würde?

Auf der folgenden Pressekonferenz wird der Bundestrainer nach dem anstehenden Quartier in Watutinki und dem drohenden Lagerkoller im Team-Hotel, 40 Kilometer abseits von Moskau, gefragt. Löw blickt einen Moment nachdenklich, antwortet dann: „Daran können wir nichts ändern.“ Ich bin sicher, Löw würde in diesem Moment liebend gern die Liedzeilen anstimmen, die auch mir durch den Kopf gehen: „I am from Südtirol…“

P.S. Nach der 1:2-Niederlage gegen Österreich lief über die Stadion-Lautsprecher in Klagenfurt Reinhard Fendrichs Original…