„Was ist denn mit Hansi passiert?“

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Im Fußball sieht man sich immer zweimal. Hansi Flick traf ich erstmals, als er als Assistent von Jogi Löw im August 2006 bei der Nationalmannschaft antrat. Acht Jahre kreuzten sich unsere Wege bei den Länderspielen. Beim FC Bayern lerne ich ihn nun erneut kennen. Selbst alte Weggefährten von ihm aus DFB-Zeiten rufen mich an und fragen: „Was ist denn mit dem Hansi passiert?“ Sein engagiertes, selbstbewusstes Auftreten überraschte nicht nur, es beeindruckt auch viele Verantwortliche. Einen allerdings nicht. „Mich wundert das überhaupt nicht, ich habe ihm das zugetraut“, sagte mir Jogi Löw bei unserem letzten Telefonat. „Ich weiß, wie er tickt und wie er denkt. Bei ihm ist das nicht nur Wissen, sondern auch Können. Hansi weiß, wie man eine Mannschaft für sich gewinnt.“ Der Bundestrainer bescheinigt Flick: „Ich habe den Eindruck, als würden wir gerade eine Demonstration der Stärke durch die Bayern erleben.“

 

Die Frage wird immer interessanter: War Flick heimlich schon immer so oder was ist denn nun mit dem Hansi passiert?

Sicherlich hat Flick vor seinem Engagement beim FC Bayern einige Hospitationen gemacht (unter anderem bei Thomas Tuchel in Paris), sich fortgebildet. Sein neues Image hat aber andere Gründe, wie er mir mal erklärte: In der ersten Reihe agiert man anders, als in der zweiten. Als Cheftrainer des FC Bayern kann Flick seine eigenen Entscheidungen treffen und sie offensiv vertreten.

 

Für SPORT BILD trafen mein Kollege Tobi und ich ihn nun zum ausführlichen Interview, in dem er uns seine Visionen für den FC Bayern erklärte. Tatsächlich greift er dabei auch auf Erfolgsmittel aus alten DFB-Zeiten zurück. Eines davon: eine vorgegebene Spieler-Achse. „Eine klare Struktur ist enorm wichtig. Darauf haben wir in der Nationalmannschaft schon viel Wert gelegt“, sagt uns Flick und führt aus: „Für Jogi Löw und mich war es immer wichtig, dass die zentrale Achse steht: Spieler mit Qualität auf dem Platz, aber genauso mit Führungsqualität.“ Es sei die Achse, von der die Spiele bestimmt und gesteuert würden. Flick stellt klar: „Ich brauche dort Spieler, die Kommandos geben, voran gehen und das Spiel lenken. Das ist eine Sache, die ich gerne fördere.“

 

Wie lange Flick sie fördert, ist noch nicht fixiert. Zwar läuft sein alter Vertrag, den er als Co-Trainer unterschrieb bis 2021, klar ist dabei aber auch: In die zweite Reihe wird er nicht zurückrücken, somit ist die Laufzeit darauf irrelevant. Entscheidend wird sein, was der FC Bayern ihm als Cheftrainer anbietet und ob Flick das akzeptiert. Der Unterschied zu seinem Vorgänger und Ex-Chef Niko Kovac: Flick wird für seine Unterschrift Bedingungen stellen. Wie diese im Detail aussehen, verrät er uns noch nicht. Jedoch macht er im Gespräch deutlich, dass er mehr Einfluss will, auch und gerade in Transferfragen (die Überschrift des Interviews lautet: „Ein Trainer braucht ein Veto-Recht bei Transfers“).

Für seine Forderungen hat er gute Argumente: Flick gewann mit dem FC Bayern 12 von 15 Bundesliga-Partien (das sind 80 Prozent). Kein Trainer in der so glorreichen Bayern-Vergangenheit hatte eine bessere Siegquote. Und Flick will mehr! „Wir sind in allen Wettbewerben dabei, das können nur wenige Teams in Europa von sich behaupten“, sagt uns Flick. „Unsere Mannschaft ist hungrig auf mehr, mit ihrem Ehrgeiz und ihrer Leidenschaft wird sie auch in den kommenden Wochen alles dafür tun, um erfolgreich zu sein und unseren Fans viel Freude zu bereiten.“ Alles, was danach kommt, will er zur gegebenen Zeit besprechen. Er sei im guten Austausch mit den Bayern-Verantwortlichen, schaue gelassen und optimistisch bei allen anstehenden Personal-Entscheidungen in die Zukunft. 

Einen Vorgesetzten aus dem Vorstand hat er beim Austausch inzwischen besser kennengelernt. Seine Ansichten über die nötige Mentalität, die ein Bayern-Spieler braucht, decken sich mit denen von Oliver Kahn. „Oliver und ich haben natürlich gesprochen“, bestätigt Flick. „Es ist schön zu sehen, welche Vorstellungen er hat und dass er manche Dinge im Klub aus einem anderen, neuen Blickwinkel wahrnimmt.“ So wie Flick.

Mein Aufnahmegerät zeigt an, dass wir 46.50 Minuten über Fußball und den FC Bayern geredet haben. Länger als vereinbart. Flick hat darin den Eindruck, den er in seinen viereinhalb Monaten als Bayern-Cheftrainer auf mich gemacht hat, mehr als bestätigt.