Wir sitzen alle in einem … Flieger

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Cordoba habe ich noch nicht miterlebt. Beim peinlichen EM-Vorrunden-Aus 2004 in Portugal war ich dagegen bereits als Reporter dabei. Kazan dürfte jedoch als absoluter Tiefpunkt der deutschen Turnier-Geschichte eingehen. Ausgeschieden in der Gruppenphase als amtierender Weltmeister. Ich, der Berichterstatter, muss auch so ein Debakel neutral begleiten – doch ganz ehrlich: Wer kann das wirklich, wenn er Fußball liebt? Meinen Job erledigen muss ich dennoch…

Nach Abpfiff des peinlichen 0:2 gegen Südkorea folge ich dem Kollegen-Tross in die Katakomben der Kazan-Arena. Rechts geht’s zur PK von Jogi Löw, ich biege links ab: zur Mixedzone für die Spieler-Interviews. Als erstes kommt Manuel Neuer, kurz darauf Hummels, und so weiter. Doch überall, wo ich mit einem Ohr reinhöre, klingen die Statements ähnlich. Müller: „Es war sehr still in der Kabine…“ Khedira: „Ein sehr schlimmer, ein sehr trauriger Moment…“ Bierhoff: „Ich bin schockiert und frustriert…“ Schnell wird klar, dass es so kurz nach Abpfiff keine tiefgründen Antworten für das kollektive Versagen geben wird. Darum suche ich woanders nach einer Geschichte…

Der Ordner vor dem Kabinengang macht keine Anstalten, mich zu kontrollieren. Mit einem freundlichen Lächeln passiere ich ihn, biege links ab und folge einfach dem Lärm. Die Tür steht offen und ich blicke auf ein Buffet, das vor allem mit Obst gefüllt ist. An der hinteren Wand hängt eine riesige Fahne: von Südkorea. Links über mir steht Trainer Tae-yong Shin und brüllt seine Rede hinweg über die Köpfe seiner Spieler und der Delegation. Natürlich verstehe ich kein Wort, die Jubel-Rufe nach jedem seiner Sätze sind jedoch nicht schwer zu deuten. Südkorea feiert seinen historischen 2:0-Sieg – und ich bin mittendrin.

Fotos zu schießen traue ich mich nicht, denn hier habe ich offiziell nichts zu suchen. Journalisten ist der Zutritt zu diesem Bereich verboten. Nun, wo ich aber schon mal hier bin, kann mich aber auch gleich weiter umschauen. Auf der Tafel neben der Kabinentür steht: „Dressingroom Team A“. Ich denke: Wo A ist muss auch B sein! Ein Blick in die Kabine der deutschen Mannschaft wäre sicherlich interessant. Erneut mache ich mich auf den Weg durch die Gänge, immer im Hinterkopf, jeden Moment erwischt zu werden.

Da ich bereits im inneren Bereich bin, hoffe ich, dass mir keine Kontrollen mehr den Weg versperren. Tatsächlich sehe ich hinter der „Flash Zone“ schon einen Hinweis mit „Dressingroom Team B“. Die deutsche Mannschaft ist in Gruppenspiel 3 die Auswärtsmannschaft. Es trennen mich noch zwei Meter von der deutschen Kabinentür, als mir jemand auf die rechte Schulter klopft. Ertappt. Der russische Ordner wirft einen kurzen Blick auf meine Akkreditierung, schüttelt energisch den Kopf und geleitet mich freundlich, aber bestimmt zum Ausgang.

Der Blick hinter die deutschen Kulissen bleibt mir verwehrt. So mache ich mich auf den Weg zum Flieger, der uns Journalisten um kurz vor 1 Uhr nachts zurück nach Moskau bringt. Meine letzten Stunden in Russland sind knackig durchgetaktet, denn die Abreise war so ja nicht geplant. Es steht an: eine 45-minütige Fahrt zu unserem Hotel hinter Watutinki, Koffer packen, akkreditierte Spiele bei der Fifa stornieren (z.B. Russland vs Spanien), Wecker stellen, vier Stunden Schlaf, Auschecken, zurück nach Moskau und Auto abgeben. Am Flughafen Wnukowo wartet der gebrandete „Mannschaftsflieger“ der „Fanhansa“ auf uns – und der nächste Versuch, etwas neues über die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft zu erfahren.

Im Gegensatz zum Vorabend habe ich diesmal mehr Glück! Dank eines russischen Polizisten, der mich wegen einer kleinen Verkehrswidrigkeit (wir fuhren in die falsche Verkehrsrichtung) vor dem Parkhaus aufhielt, treffe ich am Check-in gleichzeitig mit DFB-Präsident Reinhard Grindel ein. Macht Jogi Löw weiter? Der Mann muss es wissen! „Ich habe gestern Abend mit Jogi Löw gesprochen“, bestätigt mir Grindel tatsächlich. „Wir sind so verblieben, dass wir in den nächsten Tagen besprechen, wie es weitergeht.“ Die Zukunft von Löw bleibt also unbeantwortet und somit weiter offen. Auch das ist eine Nachricht, die ich sofort in die BILD-Gruppen-Zentrale nach Berlin durchgebe – und kurz darauf laufen die zwei Sätze deutschlandweit über die Ticker.

Die wahre Antwort kennt also nur Löw – und ihn sollte ich daher auch sprechen.

Ich warte am Gate 29, von wo unser Flug LH343 mit einer A321 um 12 Uhr Richtung Frankfurt abheben soll. Niklas Süle ist ein Hüne und nicht zu übersehen. Der Verteidiger bildet die Vorhut des deutschen Teams. Keine hundert Meter hinter ihm folgt schon der Bundestrainer. Ich gehe ihm ein paar Schritte entgegen. Wir begrüßen uns, dann stelle ich die Frage: Herr Löw, werden Sie sich heute noch zu Ihrer Zukunft äußern?

Der Blick des Bundestrainers schweift ab. Löw scheint kurz darüber nachzudenken, dann schüttelt er den Kopf sagt, es gäbe noch nichts Neues. Ich hake nach, erwähne, dass er am Vorabend noch von ein paar Stunden Bedenkzeit gesprochen habe. Löw wirkt ein wenig von seinen eigenen Worten überrascht, dann erneutes leichtes Kopfschütteln. Nein, es sei zu noch zu früh. Wir sind am Gate angekommen, wo Präsident Grindel seinem Trainer schon die Hand entgegenstreckt. Das Gespräch ist damit beendet. Im Flieger werden Löw und ich uns ebenfalls noch kurz die Hand geben und uns eine gute Heimreise wünschen. Das war’s, Entscheidung vertagt.

Im Flieger herrscht dagegen munteres Treiben. Nicht nur einige Spielerfrauen sind an Bord, Familie Kroos wie Rudy haben ihren Nachwuchs mit an Bord. Es ist schön zu sehen, wie sich die DFB-Stars sofort in die Vater-Rolle einfügen. Ihre Kinder zaubern ihnen auch in dieser schweren Stunde ihres Berufslebens ein Lächeln ins Gesicht. Unwillkürlich freut man sich mit Ihnen – und vor allem auf seine eigenen Lieben zu Hause.

Die Weltmeisterschaft ist für Deutschland vorbei, aber das wirkliche Leben geht weiter.

P.S. Wie auch der Fußball! Am Montag ist Trainingsstart beim FC Bayern unter dem neuen Coach Niko Kovac… Ich bin natürlich dabei!