Blutproben, Pralinen-Verbot und Swimming-Pools – das WM-Trainingslager 2018

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Das Spiel gegen Saudi-Arabien bildet den Abschluss des Trainingslagers, bevor es am Dienstag von Frankfurt aus nach Russland zur WM geht. Zuvor waren mein Kollege Tobi und ich gute zwei Wochen in Südtirol. Wie läuft aber so ein Trainingslager für Spieler wie Reporter ab?

Der Tag für die Spieler ist in einen DFB-Trainingslager wie in Südtirol strikt nach Plänen geregelt, die im Teamhotel „Weinegg“ für die Mannschaft jeden Morgen aushingen. Selbst das Tages-Outfit ist in den Kategorien „Spieler“, „Staff“ sowie „Alle“ vorgegeben. Zum Auftakt am ersten kompletten Trainingstag in Girlan wünschte sich das Trainerteam schlicht „grau“. Bevor es aber für die Nationalspieler zum Frühstück ging, mussten sie erst einmal im Physio-Raum bluten. Der Bundestrainer bat morgens zur „Blutabnahme“. Jogi Löw überlässt bei seiner Mission Titelverteidigung nichts dem Zufall.

Dinge wie diese sollen eigentlich geheim bleiben, auch die Tagespläne sind nur für die Augen der Spieler bestimmt. Manchmal sickert dennoch was durch oder wird weitergegeben. Das, was im Team-Hotel passiert, ist für uns Reporter natürlich besonders interessant. Denn Zugang haben wir lediglich für Interview-Termine. Ansonsten ist das Hotel wie die Spieler abgeschirmt. Sicherheitspersonal patrouillierte vor dem Gebäude, Planen hingen als Sichtschutz an den Zäunen. Umso mehr sammeln wir Informationen, um die Bilder (wenn wir sie schon nicht filmen oder fotografieren können) durch unsere Beschreibungen im Kopf der Leser entstehen zu lassen.

Das liest sich dann ungefähr so: Löws Regierungszimmer liegt im Erdgeschoss des Hotels. Es ist mit einem Schild mit der Aufschrift „Coaches“ versehen. Hier muss sein Stab Bericht erstatten. Bei Auffälligkeiten hinsichtlich der Blutwerte ist das beispielsweise Team-Arzt Prof. Dr. Tim Meyer. Er kontrolliert täglich alle Nationalspieler, verfolgt anhand der Werte ihre physische Entwicklung. Aber auch die Fitness-Trainer und Physios geben sich hier die Klinke in die Hand. Das wird auch der Raum sein, in dem Leroy Sané, Nils Petersen, Bernd Leno und Joanathan Tah erfahren werden, dass sie nicht zur WM fahren dürfen.

Neben dem Büro ist die Terrasse des Hotels besonders wichtig für Löw. Dort fängt er einen Spieler nach dem anderen ab, um in lockerer Atmosphäre aus der Situation heraus Einzelgespräche zu führen. Zum Auftakt schnappte er sich am ersten Donnerstag gleich mal mit Sami Khedira einen wichtigen Führungsspieler.

Bilder im Kopf reichen natürlich alleine nicht. Zu der einen oder anderen Information müssen wir natürlich auch nachhaken. So wie zu den Vier-Augen-Gesprächen von Löw mit den Spielern. Ich hakte beim Bundestrainer nach: Worum geht es da zum Beispiel? Löw antwortete mir: „Ich erkläre ihnen ihre Rolle. Es gibt Spieler, die anführen müssen. Aber es ist auch wichtig, dass die Profis von der Bank aus Druck machen und sich ihrer Herausforderung bewusst sind.“ Er verrät mir einen Fall von der WM 2014, den er gerne als Beispiel nimmt: „Ich spreche immer gerne das Beispiel Christoph Kramer an“, führt Löw aus. „Er ist in letzter Minute auf den Kader aufgesprungen und stand am Ende im WM-Finale. Im WM-Finale, das ist unglaublich! Das müssen sich die Spieler immer wieder vor Augen führen.“

Löw macht auch gerne Späße. Als ich mit ihm ein Selfi machen will, duckt er sich weg und klopft mir neckisch auf meine Akkreditierung. Ja, der Bundestrainer ist gut drauf.

Löw strotzt vor positiver Energie und strahlt gleichzeitig Gelassenheit aus. War Franz Beckenbauer der Kaiser unter den Bundestrainern, ist Jogi Löw der Dirigent. Mit sanfter Hand lenkt er Spieler, Assistenten und die Betreuer.

Für seine Spieler hat Löw extra Komfort-Zonen im Hotel einrichten lassen.


Beim Termin mit Miro Klose nehmen wir neben einer Playstation Platz, die für die Spieler aufgebaut ist. Der Bayern-Block hatte sogar seine eigene „Nintendo Switch“ dabei, wie wir erfahren. Gleich nach der Ankunft am ersten Freitag des Trainingslagers lieferten sich Niklas Süle, Mats Hummels und Sebastian Rudy erst mal ein Rennen bei „Mario Kart“.


Wenige Tage später sitzen wir ein paar Meter weiter auf der Terrasse mit Hummels. Während uns der Weltmeister ein Interview gibt, haben seine Kollegen schon Freizeit. Süle spielt mit Rudy in der Players Lounge Billard. Andere Kollegen sind währenddessen auf ihren Einzelzimmern, wobei jedes eine eigene Sauna hat. Was auch Nachteile haben kann: Einige Profis klagten über zu trockene Luft beim Schlafen.

Journalistischer Höhepunkt des Trainingslagers ist der Medien-Tag.

Zur Erklärung: Das ist wie Speed-Dating mit Nationalspielern. 23 Spieler (minus Mesut Özil…) warten einzeln an Tischen und die Reporter dürfen sich dazusetzen und Fragen stellen. TV und Print werden dabei getrennt. Heißt in der Praxis: Das Spieler-Lager wird in zwei Hälften geteilt. Nach 25 Minuten ist Halbzeit und die Seiten werden gewechselt. Das funktioniert ganz gut, wenn Thomas Müller nicht gerade mit dem Auge in eine Kamera hineinläuft. „Du bist aber schon gut versichert?“, fragt der Münchner Weltmeister den TV-Mann, während er sich vor Schmerzen das rechte Auge zuhält. Dann lacht der Müller und zwinkert schon wieder.

Bei mir nimmt am ersten Tisch von Joshua Kimmich ein Kollege aus Israel Platz. Beim Blick auf den Swimming-Pool meint er zu mir: „Vor der WM 2014 hat ein Spieler einen Reporter angeblich in den Pool geworfen“, erzählt er mir. Ich antworte: „Davon habe ich auch gehört.“ Die drei weiteren Kollegen am Tisch prusten zur Verwunderung des ausländischen Kollegen los. Wir werden das später auflösen…

Auf den Tischen steht Marillen-Saft. Der Alkohol ist im Quartier natürlich weggesperrt. Selbst die im „Weinegg“ üblichen Schoko-Pralinen gab es nicht zum Kaffee dazu. Unter Löw herrscht für die Stars Pralinen-Verbot!

Das dürfte wohl auch im neuen Teamquartier gelten – Fortsetzung folgt in Watutinki!