Die Geschichte der Bayern-Maulwürfe
Persönlicher Fußball-Blog von Christian Falk - Fußball-Chef der BILD-Gruppe. Insider-Berichterstattung über den FC Bayern München und der DFB Nationalmannschaft.
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Die Geschichte der Bayern-Maulwürfe

Die Geschichte der Bayern-Maulwürfe

Maulwurf (in Wikipedia): Die Maulwürfe (Talpidae) sind eine Säugetierfamilie aus der Ordnung der Insektenfresser (Eulipotyphla). Viele, aber nicht alle Maulwürfe führen eine unterirdisch grabende Lebensweise.

Maulwurf (im Fußball): Die Maulwürfe (Whistleblower) sind Spieler aus der Ordnung eines Fußball-Klubs (Mannschaft). Viele, aber nicht alle Maulwürfe graben Geheimnisse aus der Kabine aus und tragen sie an die Öffentlichkeit.

In SPORT BILD titeln wir in der aktuellen Ausgabe mit „Neues aus der Bayern-Kabine“. Schwierigen Zeiten bringen beim FC Bayern ein altbekanntes Phänomen mit sich: Je unruhiger die sportliche Lage, desto mehr Missstände dringen aus dem Klub nach draußen, was Trainer Niko Kovac natürlich nicht Recht sein kann. Die Verantwortlichen geben sich dennoch jedes Mal aufs Neue überrascht. Sportdirektor Hasan Salihamidzic kündigte an: „Wir werden das schon rauskriegen, schauen, wie das möglich ist, dass solche Sachen rauskommen. Das muss geändert werden!“

Mit anderen Worten: Der FC Bayern sucht mal wieder einen Maulwurf. Dabei sollte der Klub aus den Erfahrungen in seiner langen Historie längst wissen, dass jeder seiner Trainer mit Maulwürfen zu kämpfen hatte. Ein paar Beispiele:

Carlo Ancelotti interessierte sich für die Aufnahmen aus seiner Kabine Carlo Ancelotti interessierte sich für die Aufnahmen aus seiner Kabine

Carlo Ancelottis Maulwürfe

Februar 2017: Nach dem 1:0-Sieg im DFB-Pokal-Achtelfinale der Bayern über Wolfsburg wird uns ein Foto der Taktiktafel aus der Kabine der Allianz Arena zugespielt. Nach einer Pressekonferenz von Ancelotti zeige ich dem Trainer das Bild. „Ist das meine Taktik?“, antwortet der Italiener erstaunt. Das Thema interessiert ihn. Weil er seine Brille vergessen hat, kommt er zehn Minuten später in der Mixedzone noch einmal auf mich zu, lässt sich das Handy-Bild mit nun schärferem Blick erneut zeigen. „Ja, das ist korrekt“, bestätigt mir Ancelotti. Auf meine Nachfrage, ob seine Taktik etwas ausführen könnte, bittet er um Verständnis: Betriebsgeheimnis.

Wir drucken die Tafel in SPORT BILD.

Pep Guardiola war immer sehr höflich wie auch misstrauisch Pep Guardiola war immer sehr höflich wie auch misstrauisch

Pep Guardiolas Maulwürfe

August 2014: Pep Guardiola betritt zum Saisonstart mit einem Spickzettel den Sitzungssaal der Mannschaft. Der Trainer hatte den Sommer über einen Strafenkatalog ausgearbeitet. Aus Angst davor, er könnte abfotografiert werden, ließ er ihn nicht aufhängen. Stattdessen diktierte er ihn Punkt für Punkt seinen Spielern – damit sich jede Verordnung in ihr Gedächtnis einbrennt.

In SPORT BILD konnte sie der Spanier bald trotzdem lesen. Die Punkte lauteten unter anderen:

  • Zu spät zum Mannschaftstreffpunkt: Strafe!
  • Kleidung nach dem Training nicht in den Wäscheschacht: Strafe!
  • Innerhalb der Stunde nach dem Training oder Spiel nichts gegessen: Strafe!
  • Handy-Telefonieren im ersten Stock des Trainingszentrums: Strafe!
  • Nicht-Einhaltung der ausgegebenen Kleiderordnung: Strafe!

Die erste Überschreitung kostete 250 Euro. Bei jeder weiteren steigerte sich der Betrag in 250 Euro-Schritten. Zum Kassenwart hat der Trainer seinen Vertrauensmann bestimmt: Kapitän Philipp Lahm treibt die Kohle ein.

Zum Ende seiner Amtszeit wird Guardiola beklagen: „Normalerweise bleibt das, was in der Kabine passiert, in der Kabine. Die Leute, die da gesprochen haben, wollten mich treffen. Das ist in meinen drei Jahren hier viele Male passiert. Die Leute wollten mich treffen.“

Jupp Heynckes hatte seine Spieler im Griff, konnte damit leben, wenn mal was nach außen drang Jupp Heynckes hatte seine Spieler im Griff, konnte damit leben, wenn mal was nach außen drang

Jupp Heynckes Maulwürfe

September 2012: Die Mitteilung ging an jeden Mitarbeiter der Geschäftsstelle des FC Bayern. Grund: Jupp Heynckes war verärgert. Fotos aus seinem Geheimtraining waren in BILD gedruckt worden. Per interner Mail wurde angeordnet: Die Angestellten sollen sich in Zukunft vom Abschluss-Training fernhalten. Spionage-Gefahr!Die Mail blieb genauso wenig geheim, wie die Maßnahmen für die Spieler.

In SPORT BILD beschrieben wird die Disziplin-Verordnungen genau, denn der Spieler-Trakt war tapeziert mit neuen Vorschriften.

  • Ein durchgestrichenes Handy auf einem weißen Zettel untersagt das Telefonieren.
  • Auf dem Weg zur Dusche hing das Mahnschild: „Nach dem Training ins Eiswasser-Becken“.
  • In den Kraft-Raum dürfen die Spieler zudem nur noch in Begleitung eines Fitness-Trainers, damit die Übungen strikt nach Vorgabe ausgeführt werden.

Damit bei allen Profis die Konzentration hoch bleibt und sich keine Routine einschleicht, stand unter dem wöchentlichen Trainingsplan für alle: „Änderungen vorbehalten: Jupp Heynckes“.

Louis van Gaal war stets sehr emotional, machte aus der Wahrheit aber nie einen Hehl Louis van Gaal war stets sehr emotional, machte aus der Wahrheit aber nie einen Hehl

Louis van Gaals Maulwürfe

September 2010: Nach einer 1:2-Heimpleite gegen Mainz steigt im Sitzungssaal eine der legendärsten Trainer-Ansprachen, die Spieler beim FC Bayern jemals erleben durften. Aus Verärgerung über die Nicht-Leistung seiner Mannschaft wütet Trainer Louis van Gaal: „Ihr braucht Eier! Mächtige Eier!“ Als die Spieler ihren Trainer verständnislos anblicken, öffnet van Gaal seine Hose – und zieht blank! Dazu erklärt er mit beiden Händen auf seinen Schritt verweisend: „Ich habe mächtige Eier!“

Die Information dringt auch diesmal nach draußen. Und wir schreiben sie.

Luca Toni wird schon für Juventus Turin spielen, als er mir die Geschichte offiziell bestätigt: „So etwas habe ich noch nie erlebt, das war total verrückt! Der Trainer wollte uns klarmachen, dass er jeden Spieler auswechseln kann – egal, wie er heißt, weil er Eier hat. Um das zu demonstrieren, ließ er die Hosen runter. Auch Louis van Gaal, der erstmals in einer BILD-Meister-Serie den Vorfall einräumte, werde ich Jahre später auf die Szene ansprechen. Der Holländer schmunzelte, sagte dazu: „Was in den vier Wänden mit meinen Spielern passiert, sollte dort bleiben. Aber lassen Sie es mich so sagen: Wer mich kennt, weiß, dass das gut zu mir passen könnte. Ich werde schon mal so emotional.“

Jürgen Klinsmann reagierte stets sensibel, aber auch professionell bei Enthüllungen Jürgen Klinsmann reagierte stets sensibel, aber auch professionell auf Enthüllungen

Jürgen Klinsmanns Maulwürfe

September 2008: Der FC Bayern liegt zur Halbzeit beim Heimspiel gegen Werder Bremen mit 0:2 zurück. Die Bayern-Spieler sitzen verdutzt in der Kabine, weil einer fehlt: Jürgen Klinsmann! Statt die Fehleranalyse mit ihnen zu machen, stand der Trainer draußen auf dem Rasen, um mit den Reservisten Tim Borowoski und Massimo Oddo zu sprechen. Am TV-Bildschirm, wo die Szenen der ersten 45 Minuten liefen, versuchten die damalige Nummer eins Michael Rensing, Martin Demichelis, Lucio, Bastian Schweinsteiger, Zé Roberto und und Lukas Podolski, die nötigen taktischen Änderungen für die zweite Halbzeit selbst zu erkennen und ordneten sich selbst Maßnahmen an. Die Spieler-Diskussion brachte nichts, am Ende verlor der FC Bayern 2:5. Es war die höchste Heimniederlage des FC Bayern seit 29 Jahren.

Uli Hoeneß soll getobt haben, als er über die hilflosen Szenen, die sich in der Kabine abspielten, aus SPORT BILD erfuhr.

Ottmar Hitzfeld hatte stets Verständnis dafür, dass Reporter ihre Arbeit machen und Recherchen dazu gehören Ottmar Hitzfeld hatte stets Verständnis dafür, dass Reporter ihre Arbeit machen und Recherchen dazu gehören

Ottmar Hitzfelds Maulwürfe

Januar 2008: Ottmar Hitzfeld teilt in der Kabine fünf DIN-A4-Seiten an die Spieler aus. In roten Lettern steht darauf: Vertraulich. Dazu: „Verhaltenskodex FC Bayern München AG“. Es sind die Richtlinien des Klubs für seine Spieler. Auslöser waren damals gehäufte Verfehlungen der Mannschaft.

  • Die 22 Verhaltensregeln waren in vier Punkte gegliedert
  • Die erste Regel lautete: „Respekt allen Personen gegenüber.“ Eingeführt wurde der Kodex nach Ärger mit Spielern. Oliver Kahn hatte Kollegen kritisiert. Valérien Ismaël und Willy Sagnol rebellierten gegen Trainer Ottmar Hitzfeld. Christian Lell wurde nach einer Anzeige wegen Körperverletzung von der Polizei aus dem Mannschaftshotel abgeführt.
  • Weiter hieß es: „Ab 72 Stunden vor einem Pflichtspiel wird keine Abendveranstaltung (z.B. Disko, oder sonstiges Event) mehr besucht.“
  • Komplett verboten waren Wetten und ungenehmigte Medikament-Einnahmen (Doping-Gefahr)
  • Verboten waren unangekündigte Privatreisen zu Zielen, die weiter als 200 Kilometer von München entfernt sind. Lukas Podolski war beispielsweise 600 Kilometer zu einem Boxkampf von seinem Kumpel Felix Sturm gereist.

Es dauerte ein wenig, bis wir einen Katalog in den Händen hielten – doch dann druckten wir ihn komplett in SPORT BILD ab.

Philipp Lahm bestätigte mir daraufhin dessen Authentizität: „Diese Verhaltensregeln sind Dinge, die immer gelten und für einen Profi selbstverständlich sein sollten. Für einige – gerade die Jüngeren – sind sie eine gute Hilfe, an der man sich orientieren kann.“

Felix Magath kannte das Geschäft gut genug, um zu wissen, dass nie lange etwas geheim bleibt Felix Magath kannte das Geschäft gut genug, um zu wissen, dass nie lange etwas geheim bleibt

Felix Magaths Maulwürfe

November 2006: Felix Magath bestellt Mark van Bommel in seine Trainer-Kabine ein. Grund: Ein handfester Kabinen-Krach in der Halbzeit beim Spiel auf Schalke.

Rückblick: Bayern liegt zur Pause 1:2 zurück. Aus der Gästekabine dringt Geschrei. Der ansonsten so wortkarge Magath schimpft sich in Rage. „Kein Siegeswille!“, wirft er seinen Spielern an den Kopf. Und: „Kein taktisches Verhalten!“ An diesem Punkt brüllt ein Spieler zurück: „Welche Taktik denn?“ Mark van Bommel stellt sich vor das Team – und gegen den Trainer. „Wir laufen, wir kämpfen, wir tun ja alles!“, poltert van Bommel Richtung Magath. „Aber Sie müssen uns dabei schon helfen!“ Die Mannschaft lässt daraufhin den Trainer stehen, geht raus, kanalisiert alle Aggression aus dem Pausenkrach – und schafft das 2:2 gegen Schalke aus eigener Kraft. Das Problem aber blieb – und wurde an uns herangetragen.

Als Uli Hoeneß von meinen Recherchen Wind bekommt, bittet er mich für eine Aussprache zu sich an den Tegernsee ins Gasthaus „Brenner“.

Gedruckt wird die Geschichte trotzdem in SPORT BILD, wenn auch mit ein wenig Verspätung.

Fazit für Bayern-Trainer: Ein Fußball-Maulwurf kommt anders als seine Artgenossen aus der Tierwelt (Talpidae) selten allein…