So erlebte ich Toni Kroos als meinen Chef
Persönlicher Fußball-Blog von Christian Falk - Fußball-Chef der BILD-Gruppe. Insider-Berichterstattung über den FC Bayern München und der DFB Nationalmannschaft.
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So erlebte ich Toni Kroos als meinen Chef

So erlebte ich Toni Kroos als meinen Chef

Ich kenne Toni Kroos seit seinen ersten Ball-Berührungen in der Profi-Mannschaft des FC Bayern vor elf Jahren. Dazwischen liegen zahlreiche Interviews, auch teilweise spektakuläre Foto-Shootings. Vor der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, Toni spielte damals für Leverkusen, hängten wir uns in der BayArena lebendige, gelbe Python-Schlangen um den Hals für eine WM-Serie. Als er der letzte verbliebene „Ossi“ in der Nationalmannschaft war, machten wir Aufnahmen samt Trabi an eine Graffiti-Mauer, wenn auch eine Münchner, keine Berliner. Auf das, was nun kommen sollte, war ich dennoch nicht vorbereitet: Toni ist mein Chef – wenn auch nur für eine Ausgabe.

Toni Kroos begutachtet die Seiten fürs Heft

Toni Kroos begutachtet die Seiten fürs Heft

SPORT BILD feiert sein 30-jähriges Jubiläum und als Chefredakteur hat mein eigentlicher Boss, Matthias Brügelmann, den einzigen deutschen Nationalspieler, der die Champions League bereits dreimal gewinnen konnte als seinen Nachfolger verpflichtet. Beim DFB, FC Bayern wie auch Real Madrid habe ich Toni schon erlebt, wie er den Takt an und den Mittelfeld-Chef gibt. Wie würde er aber als Vorgesetzter sein?

Das Video von Chefredakteur Toni Kroos

Mein erster Eindruck bei den Vorbereitungen: Wie im Trikot ist Toni auch abseits des Rasens total strukturiert. Seine Vorstellungen für sein Heft gibt er klar vor. Nicht nur Fußball soll dominieren, sondern auch Sport-Themen wie Basketball und Tennis als Themen unbedingt mit rein. Aus seinen Vorlieben macht er auch auf seinem Twitter-Kanal keinen Hehl, auf dem er Größen wie Roger Federer und Dirk Nowitzki anfeuert. Zwei besondere Interview-Partner hat er zudem als Wunsch: Freiburg-Trainer Christian Streich, weil dieser trotz kleinen finanziellen Mitteln schönen Fußball spielen lässt, und Matthias Sammer, der ihn in seiner Karriere sowohl bei der Nationalmannschaft wie beim FC Bayern begleitete. Diese beiden Gespräche wird Chef Kroos persönlich führen.

Im Fokus: Chefredakteur Toni Kroos

Im Fokus: Chefredakteur Toni Kroos

Es ist Montag, der fünfte Februar. Ich sitze in meinem Münchner Büro, als um 16.07 Uhr die Nachricht kommt: Face-Time-Interview mit Christian Streich morgen um 12.30 Uhr in Freiburg. Hoppla, denke ich mir. Der Termin ist schon länger angeleiert, allein das endgültige Datum, an dem beide Protagonisten zur Verfügung stehen können, war noch nicht fix. Bis eben. Ich checke als erstes die Flugverbindungen. Am frühen Morgen geht eine LH ins Freiburg-nahe Basel, doch diese Maschine ist schon gut ausgebucht. Kostenpunkt über 1000 Euro. Dafür fliege ich locker auch mal nach New York oder Rio. Dann wird es wohl eher die deutsche Bahn werden. Die Dienstagsanreise ist mir aber zu riskant. Wenn die Umsteigeverbindung nicht klappt, komme ich zu spät. Gut, dass ich immer Ersatz-Klamotten sowie einen Toiletten-Beutel im Büro-Schrank habe. Ich packe zusammen und schaffe den 17.28 Uhr ICE. Um 22.15 Uhr bin ich in Freiburg. Meine Kollegin Nina, die für uns den SC betreut, kommt mit einer Abendmaschine aus Hamburg dazu. Ihr Flug ist nicht mal viel teurer als mein DB-Ticket.

Toni hat bereits einen Fragenkatalog vorbereitet. Ganze 15 Punkte stehen darauf. Er lässt mich zudem wissen, dass er mit Real noch um 11 Uhr trainiert, gegen 12.45 Uhr könnte das Interview steigen. Nina und ich bauen in einer Wein-Loge des Dreisam-Stadions das Equipment für die Schaltung auf. Christian Streich ist mit seiner Vormittagseinheit bereits fertig, bereitet gerade in seinem Büro die Mannschaftssitzung für das angesetzte Trainingstestspiel am Nachmittag vor. Zuverlässig um 12.38 Uhr gibt Toni vorab ein Signal: In 10 Minuten kann’s losgehen! Streich wird zeitgleich informiert. Der Coach wirkt sehr konzentriert, als er den Raum betritt. Es ist ihm anzusehen, dass er sein Testspiel bereits im Kopf hat. Doch als er Toni am Bildschirm sieht, ist die Anspannung wie weggeblassen. Sofort bietet er dem Jüngeren das Du an. Spätestens als ich bei Tonis Fragen „Wechsel zwischen fußballerischen Passagen und Ballbesitz“ sowie „resolutem Fußball und Konterfußball“ höre, weiß ich: Das ist ein Fachgespräch auf höchstem taktischen Niveau. Die nächsten 30 Minuten sind wir beiden Reporter nur Statisten. Toni führt auch ohne uns souverän durch das Interview.

Streich ist konzentriert auf die FaceTime-Schalte mit Kroos

Streich ist konzentriert auf die FaceTime-Schalte mit Kroos

Die beiden hätten wohl noch Stunden diskutieren können, doch das Testspiel steht an. Streich sieht an der Uhrzeit, dass er bereits überzogen hat. Wer den akribischen Trainer kennt, weiß, dass es dafür schon einen besonderen Anlass benötigt. In all der Eile vergisst Streich glatt, Kroos um ein Trikot zu fragen, dass sich sein Sohn unbedingt wünscht. Toni wird es ihm noch per Post schicken!

Flog mit mir zusammen zum Topspiel ein: ZDF-Experte Oliver Kahn

ZDF-Experte Oliver Kahn flog mit mir zusammen zum Topspiel ein

Beim zweiten Interview-Termin ist die Konstellation etwas anders. Chefredakteur Kroos muss die Seiten-Struktur der Ausgabe sowie einige fertige Artikel noch persönlich abnicken. Darum fliege ich für die zweite Face-Time-Schalte ein, bringe das SPORT BILD-Büro praktisch zu Toni nach Madrid. Schöner Nebeneffekt: Ich kann die Reise mit dem Besuch des Champions-League-Knallers Real Madrid gegen Paris Saint-Germain verbinden und meinen Chefredakteur in kurzen Hosen in Aktion sehen. Boss oder nicht – bewertet wird die Leistung natürlich neutral. Da Kroos aber einer der besten Akteure auf dem Platz ist, sogar den wichtigen Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:1 herausholt, kommen wir bei der aktuellen Online-Berichterstattung in keinen Interessen-Konflikt.

So war mein Valentinstag im Bernabeu

Valentinstag im Stadion Bernabeu

Valentinstag im Stadion Bernabeu

Die Schalte mit Matthias Sammer, der bei meinem Kollegen Tobi in unserem Münchner Büro am Computer sitzen wird, ist für 13 Uhr angesetzt, erneut nach dem Real-Training. Ich liege noch in meinem Hotel-Bett, da ich meinen Bericht erst gegen 1 Uhr morgens fertig gestellt habe, als um 8.30 Uhr die Nachricht kommt: Real hat Trainingsfrei. Wir können das Interview daher schon um 12 Uhr starten. Kroos hat nur wenige Stunden zuvor eines der wichtigsten Spiele der Saison bestritten, doch er ist bereits wieder fokussiert auf die nächste Aufgabe: sein Interview mit Sammer! Chef Kroos ist bei seiner Planung zuverlässig wie ein deutsches Uhrwerk.

Sammer und Kollege Tobi (r.) sind in München zugeschaltet

Sammer und Kollege Tobi (r.) sind in München zugeschaltet

Der Termin findet auf dem Trainingsgelände von Real Madrid statt. Journalisten wird nur von Fall zu Fall Zutritt gewährt. Ich war schon einmal hier für ein Interview mit Toni. Diesmal würde ich aber eine Überraschung erleben. Wir bekommen vom Presse-Sprecher Zutritt zum Spieler-Bereich gewährt, sozusagen die heiligsten Räume des Geländes. Toni gibt offenbar nicht nur auf dem Platz in diesem Klub mit den Ton an. Auf dem Weg dahin, sehe ich, dass die Spielerparkplätze mit Namen beschriftet und nach Rückennummern geordnet sind. Tonis (Nummer 8) Auto steht somit zwischen Cristiano Ronaldo (Nummer 7) und Karim Benzema (Nummer 9). Es ist lustig, sich vorzustellen, wie sich die Stars beim Einparken, vielleicht ein wenig verschlafen, wie gewöhnliche Arbeitskollegen am Morgen zuwinken.

Hier parken Ronaldo und Kroos nebeneinander

Hier parken Ronaldo und Kroos nebeneinander

 

Unser Büro dürfen wir mit Blick auf die Trainingsplätze einrichten. Im Nebenraum ist ein eigener Kino-Saal für die Real-Stars, dahinter für die Freizeit-Aktivitäten Tischt-Tennis-Platte, Pool-Billard, ein Basketball-Korb sowie Rennauto-Simulatoren. Unser Fotograf, ein Kamera-Mann und ich sind jedoch zum Arbeiten da. Toni ist auf die Minute pünktlich. „Schon ausgeschlafen?“, begrüßt Sammer seinen Ex-Spieler. Aus eigener Erfahrung weiß der einstige „Europas Fußballer des Jahres“ nur zu gut, dass nach so einem intensiven Spiel, wie es Kroos am Vorabend im Bernabeu erlebte, oft an Schlaf nicht zu denken ist. Sofort sind die beiden dabei, die Partie zu analysieren. Sie sind sich einig, dass der Knackpunkt die Wechsel von Zinedine Zidane waren. Toni merkt an, dass nicht jeder Trainer beim Stande von 1:1 den Mut gehabt hätte, den etablierten Sechser rauszunehmen und dafür einen weiteren Offensivspieler zu bringen. Die neue Formation hätte bereits am Wochenende zuvor gegen Real Sociedad einen 4:0-Vorsprung herausgespielt, darauf hätte Zidane wohl gesetzt, deutet Kroos die Trainer-Pläne. Sammer stimmt ihm zu. Sein Fazit zum Ausgang der Partie ist, dass nicht das Geld, sondern die größere Erfahrung sich durchgesetzt habe. Während die beiden sich immer mehr in ihr Interview vertiefen, bemerken sie nicht, dass zwischenzeitlich Besuch da war. Zunächst kommt Stürmer-Legende Emilo Butragueno in den Spieler-Raum. „Führt Toni da gerade ein Interview? Da will ich wirklich nicht stören“, sagt der einstige Vize-Präsident des Klubs und zieht sich leise zurück. Kurz darauf steckt Gareth Bale den Kopf durch die Tür. Als der Waliser die ausgedruckten Magazin-Seiten und die SPORT BILD-Logos an den Wänden sieht, blickt er mich fragend an und verabschiedet sich. Wer weiß, ob ihn Chefredakteur Toni Kroos sonst nicht auch zum Interview gebeten hätte…

Die Real-Stars haben im Trainingszentrum einen Freizeitraum für Tisch-Tennis, Basketball und auch Renn-Simulatoren

Die Real-Stars haben im Trainingszentrum einen Freizeitraum für Tisch-Tennis, Basketball und auch Renn-Simulatoren

Nach der Schalte besprechen wir noch Seiten, sein Editorial und Toni kommentiert zudem noch handschriftlich einige Artikel. Am Ende bedanke ich mich bei meinem Boss auf Zeit und verabschiede mich mit den Worten: „Das Arbeiten unter Dir hat Spaß wirklich Spaß gemacht! Schade, dass wir Dich für eine Festanstellung wohl nicht bei Real Madrid freikaufen können.“ Als ich schon im Taxi sitze, checke doch noch mal Tonis vermeintliche Ablösesumme. Laut Transfermarkt.de würde uns die permanente Verpflichtung von Chefredakteur Kroos 80 Millionen Euro kosten. Ich kann ja mal bei der Verlagsleitung anfragen…

Auch ein Billard-Tisch steht Kroos & Co zur Verfügung

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Hier schauen die Real-Profis Filme im privaten Kino-Saal

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Erinnerungen im Spieler-Trakt an den großen Puskas

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Die Interviews und Beiträge von Chefredakteur Toni Kroos lest Ihr in der aktuellen Ausgabe von SPORT BILD.