Bayern-Transfers und Bayern-Streitkultur
Persönlicher Fußball-Blog von Christian Falk - Fußball-Chef der BILD-Gruppe. Insider-Berichterstattung über den FC Bayern München und der DFB Nationalmannschaft.
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Bayern-Transfers und Bayern-Streitkultur

Bayern-Transfers und Bayern-Streitkultur

Es sind spannende Transfer-Tage rundum den FC Bayern. Dienstagabend haben wir exklusiv die Verpflichtung von Leroy Sané vermeldet. Bereits am heutigen Mittwochmittag wird Tanguy Kouassi an der Säbener Straße vorgestellt. Auch den Transfer des PSG-Verteidigers hatten wir bereits Mitte Juni enthüllt. So wie Anfang des Jahres Alexander Nübel, der auch gerade seinen Medizincheck absolvierte. Die Transfers tragen die Handschrift von Sportvorstand Hasan Salihamidzic, der sich daran macht, in die Manager-Fußstapfen von Uli Hoeneß zu treten. Brazzo hat ebenfalls sehr viel Temperament, das er anders als Hoeneß aber eher kaum uns Reportern gegenüber auslebt.

Bei dem Thema, das Uli Hoeneß in der Sonntagssendung „Blickpunkt Sport“ ausführte, wurde ich vor dem Fernseher hellhörig. Es geht um nicht weniger als: die bayerische Streitkultur. „Es ist schwieriger geworden“, stellt Talkgast Hoeneß fest. „Ich halte nach wie vor eine Streitkultur für sehr wichtig in unserer Gesellschaft.“ Ich sehe das auch so. Allerdings war das Pflegen dieses wichtigen bayerischen Kulturguts mit Uli Hoeneß nicht immer einfach oder gar angenehm. Dafür immer sportlich fair.

Uli Hoeneß im „Blickpunkt Sport“ zu Gast bei BR-Moderator Markus Othmer

Rückblick: Der FC Bayern tritt 2014 wieder mal in der Champions League bei Arsenal London an. Über ein Jahr haben wir nicht mehr miteinander gesprochen, als Uli Hoeneß und ich uns im Bayern-Hotel „The Landmark“ in London gegenübersitzen. Eigentlich sitzt Uli Hoeneß auch nicht mehr, er steht. Bereit zum Gehen. Vorher lässt er mich aber lautstark wissen: „Wenn sie das so sehen, brauchen wir auch weiterhin nicht mehr miteinander zu reden!“ Die Blicke der Gäste im 8-stöckigem Atrium mit den Palmen unter dem riesigen Glasdach sind auf uns gerichtet. Ich bemerke, dass Karl Hopfner zwei Tische weiter mit einem Grinsen zu mir rüberschaut. Der Finanzchef kennt die Szenen, wenn der Bayern-Patron einen Reporter rund macht. Der Grund unserer Auseinandersetzung ist: Louis van Gaal.

Ich habe Uli Hoeneß um einen Termin gebeten, beziehungsweise eine Aussprache. Der Bayern-Präsident hatte mir übelgenommen, dass ich im Oktober 2012 nach Holland gefahren war, um den neuen Bondscoach zu interviewen, der gleichzeitig ein im Jahr zuvor entlassener Bayern-Trainer war. Louis van Gaal gab mir sein erstes Interview seit seiner Bayern-Beurlaubung, in dem er einige wenig gute Worte für Uli Hoeneß fand („Der Einzige im Klub, der immer auf meinen Abschied gedrängt hat, war Uli Hoeneß. Kein anderer“). Dabei sprach der Holländer durchaus auch positiv über Hoeneß („Es war nicht Beckenbauer, Breitner oder jemand anderes, der den Klub so groß gemacht hat. Das war allein das Werk von Uli Hoeneß“). Bei Hoeneß waren aber nur die negativen Aussagen hängen geblieben. Und daher sprach er über ein Jahr nicht mehr mit dem Reporter, der das so aufgeschrieben hatte. Genauer gesagt: mit mir.

Der Hoeneß-Vorwurf am Tisch in London lautet noch immer: Ich hätte nicht kritisch genug bei Louis van Gaal nachgefragt, ihm die Plattform für die Kritik an dem Bayern-Boss gegeben. Ich bin anderer Meinung und beharre darauf. Kurzum: Wir beide kommen auch an diesem Nachmittag nicht zusammen.

Zum Interview mit Louis van Gaal, das Uli Hoeneß erzürnte, brachte ich Blumen mit. Natürlich: Gladiolen

Jetzt will Hoeneß gehen und das Interview-Embargo mir gegenüber aufrechterhalten. Mir bleiben nur wenige Sekunden, bevor er den Tisch verlässt. So sage ich: „Herr Hoeneß, wenn sie jetzt gehen, sind sie nicht der Mann, für den ich sie gehalten habe.“ Hoeneß stockt und schaut mich skeptisch an. Er wartet, was nun folgen würde. Ich fahre also fort: „In dem Fall müsste ich denken, dass sie Kritik nicht akzeptieren, sondern nur positive Berichterstatter dulden.“ Das lässt Hoeneß nicht auf sich sitzen und: setzt sich wieder. Lautstark geht es weiter. Noch eine halbe Stunde wird diskutiert, dann versöhnt und am Ende das nächste offizielle gemeinsame Interview vereinbart. 

Das ist gelebte bayerische Streitkultur, für die Uli Hoeneß für mich steht.   

Gerade sind wir wieder in einer Phase, in der das nächste Interview auf sich warten lässt. Über grollende Worte von Louis van Gaal muss sich Hoeneß dabei keine Sorgen mehr machen. Ich hatte den holländischen Kult-Trainer auch später noch einmal interviewt und ich hätte es zuletzt gerne wieder getan. Auch auf die Gefahr hin, dass Hoeneß erneut sauer sein könnte. Jedoch: Louis van Gaal hat sich in den Interview-Ruhestand verabschiedet.

Mit Louis van Gaal konnte man auch zu Zeiten als Bayern-Trainer herrlich diskutieren und durchaus auch: streiten

„Lieber Christian, Ich hoffe dass Sie damals meine E-mail gut gelesen haben? Mit freundlichen Grüßen, LvG“, antworte mir van Gaal auf meine Anfrage für Juni. Daran hatte er eine kleine Datei gehängt, mit der Mail, die er mir bereits auf meine Anfrage im Oktober geschickt hatte und die ich natürlich genau gelesen und noch gut im Gedächtnis hatte. Damals lautete die Antwort: 

Lieber Christian,

In den letzten drei Jahren habe ich Wissenstransfer gemacht und Interviews gegeben!

Jetzt ist es an der Zeit, auf eine andere Art und Weise zu leben.

Es gibt eine Zeit des Kommens und Gehens!! Das ist ein Sprichwort in den Niederlanden. Und meine Zeit ist gekommen, mehr in der Anonymität zu leben!

Mit freundlichen Grüßen,

LvG

Die Interviews mit Louis van Gaal werde ich sehr vermissen. Für einen Holländer verstand er erstaunlich viel von unserer bayrischen Streitkultur. Auch Uli Hoeneß weiß das.

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